Die (Un)vereinbarkeit des Videospielhobbys und des Mamaseins - Teil 2

Die (Un)vereinbarkeit des Videospielhobbys und des Mamaseins – Teil 2

Steph

8 Beiträge · 26 Kommentare · prägende Stimme der Community

Eigentlich wollte ich schon vor etlichen Monaten diese Beitragsreihe fortsetzen, habe mir entsprechend Notizen zur Entwicklung unseres Kleinen gemacht und wie ich parallel mein Hobby weiter (versuche) auszuüben. Doch neben der Flut der Eindrücke, die man als Elternteil gerade im ersten Jahr erfährt, kam unglücklicherweise ein großer gesundheitlicher Bruch in mein Leben dazu.

Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen: Eine schwerwiegende Erkrankung katapultierte mich über sechs Monate aus dem Alltag – mit Kind im Rücken, war das eine Grenzerfahrung, die ich niemandem wünsche. Die gute Nachricht: Ich habe diesen Kampf überstanden, auch dank eines tollen Ärzte- und Pflegeteams sowie großen, familiären Rückhalt und Unterstützung.

Einmal mehr die Gelegenheit, das Leben und die Erfahrung mit Kind und die eigenen Interessen zu reflektieren und sie mit euch zu teilen. Gehen wir also rein, in den zweiten Teil meiner „Mama-Life & Gaming“-Reihe.

Was bisher geschah

In den letzten Wochen meines ersten Elternzeit-Abschnitts, also kurz nach meinem ersten Beitrag dieser Reihe, ist’s noch einmal richtig anstrengend geworden. Gerade im vierten Lebensmonat hat der Kleine verschiedene Phasen der Gefühlswelten für sich entdeckt. Schlafpausen waren in dieser Zeit eher eine Seltenheit – ans Spielen war erst gar nicht zu denken. Den großen Plan, mich an das damals erschienene JRPG Metaphor: ReFantazio zu wagen, konnte ich nach den ersten Abenden auch schon wieder begraben. Nicht dass mir hier die Zeit gefehlt hätte, aber mein Kopf war weiterhin nicht in der Lage, längeren Dialogen zu folgen. Legt man ein Rollenspiel wie dieses dann für ein paar Tage beiseite, fällt der Wiedereinstieg schwer – zumindest geht es mir leider immer wieder so. Bedauerlicherweise ein Grund, weshalb dieses unfassbar spannende Juwel weiter im „Pausenmodus“ verweilt.

So vergingen wieder einige Wochen und Monate, in denen ich gedanklich kaum in der Lage war, Spiele zu beginnen oder nach dem ersten Einstieg gar zu beenden. Doch je näher der erste Geburtstag unseres kleinen Wirbelwinds rückte, umso mehr Abende konnte ich wieder für mich gewinnen. Wie schon im ersten Beitrag dieser Reihe angemerkt, ist jede Familiensituation, jedes Baby und Kind sowie jede Erfahrung sehr individuell. Wir haben hier das Glück, dass unser Kind ab dem achten Monat tatsächlich angefangen hat, durchzuschlafen. Wir konnten also recht früh, regelmäßige Schlafzeiten ab 19 Uhr einführen; eingeschlafen wurde dann aber meist gegen 20 Uhr, und die Nächte dauerten in der Regel bis mindestens 6 Uhr.

So haben sich abends zumindest Möglichkeiten geboten, endlich mal wieder das Gamepad in die Hand zu nehmen – ohne Gedankenkarussell oder spät nächtliche Einschlafbegleitung. Interessanterweise kam genau in dieser Phase Monster Hunter Wilds raus, ein Franchise, das sowohl meinen Mann, als auch mich schon immer gereizt hat. Da wir die Vorgänger aber als zu träge empfanden oder andere Spiele hier immer Vorzug hatten, haben wir uns bis dato nie an die Reihe gewagt. Aufgrund des Timings und der „entspannteren“ Lage mit den Kleinen, haben wir uns aber gemeinsam in die Wildnis gestürzt und konnten Abend für Abend doch recht ausgiebig zocken. Ich konnte mich sogar wieder etwas umfassender der virtuellen Fotografie widmen und hatte bei der Suche nach dem perfekten Monster-Motiv eine Menge Spaß (mehr unter @PixelSteph).

Über ein paar Wochen hat sich so trotz Kind und wieder halbwegs geregeltem Arbeitsalltag, tatsächlich wieder eine angenehme Spielroutine eingestellt und das Gröbste schien für uns überstanden, bis…

Die verlorenen Monate

… bis eine Krankheit mich völlig gebeutelt hat. An manchen Tagen und Wochen war ich kaum in der Lage, vernünftig am Alltag oder der Kinderbetreuung mitzuwirken, was leider eine mehrfache Belastung für meinen Mann mit sich brachte. Ich brauchte aber natürlich Raum für meine medizinische Behandlung und die Genesung.

Hier hat mir das Gaming auf seelischer Ebene sehr geholfen. Viele Tage hing ich auf der Couch fest, Zeit, um mich wenigstens mental mit Spielen abzulenken. Ich habe mich hier vorwiegend auf Indie-Releases in dieser Zeit gestürzt. In kurzen Abständen habe ich Absolum, Ball x Pit, Caravan SandWitch und MARVEL Cosmic Invasion durchgespielt. Einzig Mafia: The Old Country war ein etwas größerer Titel, der mich an das Pad gefesselt hat. Aufgrund der Krankheitssituation, in der ich kaum Schlaf fand, hab’ ich dann tatsächlich auch bis tief in die Nacht gespielt. Auch hier mit Glück gesegnet, dass der Kleine weiterhin ein guter Schläfer ist.

Trotz der Möglichkeit, mich meinem Hobby wieder mehr widmen zu können, empfinde ich diese Zeit als eine Art verlorenen Lebensabschnitt. Auch wenn ich mit einem positiven Ergebnis und Hoffnung aus dieser Lebenssituation herausgekommen bin, ist es Zeit, die mir mit meinem Mann und Kind fehlt. Wichtig ist aber der Blick nach vorn, und ich bin dankbar, weiterhin eine aktive Rolle in der Zukunft meines Kindes spielen zu können.

Veränderung des Spielverhaltens oder Spielgeschmacks?

Viele werden das Gefühl kennen, die Phasen, in denen man Lust auf eine bestimmte Kost oder einen speziellen Vibe hat, sei es beim Essen, der Kleidung, Filmen oder eben Videospielen. Aktuell stelle ich mir aber grundsätzlich die Frage: Hat mich das Elternsein empfänglicher für bestimmte Genres gemacht und für andere immer weniger?

Ich mochte schon immer Funsport, Prügelkost und arcadige Games. Daneben habe ich aber auch immer wieder zu Horror, narrativen Spielen wie Last of Us oder zu ausufernden Titeln wie Cyberpunk 2077 gegriffen. Mittlerweile liegt mein Fokus hauptsächlich auf „gamigen Games“, wie zuletzt die schon erwähnten Ball x Pit oder Marvel Cosmic Invasion. Nicht, dass ich bestimmte Spiele einfach aufgrund von Zeitmangel nicht mehr spielen kann – nein, ich möchte sie auch einfach nicht mehr spielen. So hab’ ich nach den ersten Stunden Silent Hill f schnell gemerkt, dass mich diese Art von Horror nicht mehr abholt. Zu viel Blut und Splatter möchte ich eigentlich auch nicht mehr sehen, und auch Dramen kann ich kaum mehr ertragen, seit ich Mama bin.

Der Release der Switch 2 hat meinen derzeitigen Spielgeschmack noch einmal verstärkt. So habe ich Stunden mit dem bunten, fröhlichen Kirby Air Riders verbracht und versinke gerade völlig in Pokopia. Selbst dem eher semiguten Pokémon-Legenden: Z-A habe ich aufgrund eines unwiderstehlichen Preisangebotes den Vorrang vor Resident Evil 9 gelassen, und das ist als ehemaliges Resident-Evil-Fangirl schon eine Aussage für die Macht der Cozy-Games, denen ich aktuell verfallen bin.

Nun kann das natürlich auch an der globalen, politischen Lage und Krisen liegen, dass ich hier primär Happiness in Spielen suche – aber meine Gedanken schwenken doch oft in die Richtung: „Wenn mein Kind in so einem Szenario leben müsste, Help!“, „Hier stirbt ein Kind? Nope. Klick – Konsole aus.“ Nicht, dass ich schmerzhafte Wendungen und Trauerbewältigung in Videospielen nicht willkommen heiße, aber ich sehe mich aktuell nicht in der Lage, mich mit so etwas auseinanderzusetzen. Stattdessen baue ich lieber einen Gemüsegarten oder ein neues Haus für mein geliebtes Myrapla in Pokopia auf.

Status Qou & Zukunft

Schwere Krankheit überstanden, Elternzeit fast aufgebraucht, Kindergarten-Eingewöhnung ist gerade im vollen Gange und der Kleine wird bald zwei Jahre alt. Obacht, Klischee-Frage: Wo bitte ist die Zeit hin?

Viel hat sich getan, auch in der Entwicklung unseres Sonnenscheins. Natürlich besteht das Elternsein und mein Leben, aus weit mehr, als mein Text hier umreißen könnte. Wir entdecken aktiv die Welt mit den Kleinen, sind zu Spielplatz-Testern mutiert, lesen viel, unternehmen Ausflüge oder nehmen an Schwimmkursen teil. 

Wird das Leben jetzt wieder mehr Regelmäßigkeit erfahren? Dies ist zwar meine Hoffnung, aber ich stelle mich weiter darauf ein, dass das Leben, ob mit, oder ohne Kind, sowohl entspannt, als auch chaotisch verläuft. Zumindest aktuell kann ich mich im Pokémon-Universum verlieren und mein Mann nutzt gerade die Abendstunden, um festzustellen, dass seine Reflexe in Battlefield, die eines alten Mannes sind.

Pokopia Screenshot Spielfigur und Myrapla
Cozy-Game at its best! Pokopia wird mich sicher noch lange begleiten. (Screenshot @Steph)

Auf meiner Longtime-To-do-Liste steht jedenfalls weiterhin, diese Reihe fortzusetzen. Der nächste Beitrag kommt entweder mit kürzerem oder längerem Abstand, je nachdem, wie das Leben, die Zeit und die Motivation so mitspielen. Bis dahin diskutiert gerne wieder unter dem Beitrag und teilt eure Erfahrungen des Elternseins. Hat sich euer Spielgeschmack auch aufgrund der Elternrolle verändert oder blieb dieser unberührt? Auch Nicht-Eltern sind natürlich gerne eingeladen, hier über eigene Lebensphasen und veränderte Spielgewohnheiten zu plaudern.

Krebsvorsorge-Hinweis: An dieser Stelle möchte ich auf die Wichtigkeit regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam machen. Nutzt die angebotenen Möglichkeiten und hört auf die Signale eures Körpers, ohne in Panik zu geraten. Frühzeitige Erkennung kann Leben retten, und dank moderner Therapien gibt es heute viel, was möglich ist. Passt gut auf euch auf!

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3 Kommentare zu „Die (Un)vereinbarkeit des Videospielhobbys und des Mamaseins – Teil 2“

  1. Avatar von DEANJIMMY
    Abonnent

    Hallo Steph, ich habe auch diese Art von 6 Monaten hinter mir.
    Schön von dir hier zu lesen, ich denke für dich war das Schreiben dieser Geschichte etwas ganz besonderes, wegen der schwierigen, aber durch den Kleinen sicher auch wiederum sehr schönen Zeit.
    Bei mir war nicht klar war, ob ich überhaupt wieder Podcasts einsprechen kann. Zum Glück kam mir beim Logopäden die Idee mit dem Märchenonkel und der erste neue Beitrag hier war schon etwas besonders für mich. Denke dir geht es ähnlich mit deinem Beitrag.

    Auch ohne kleines Kind habe ich den Punkt erreicht, wo mir nicht nur die Zeit, sondern auch die Lust auf 40 – 120h Spiele fehlt.
    Cyberpunk 2077 (oder war es AC Valhalla incl. aller DLC🤔) könnte der letzte AAA Titel gewesen sein, den ich beendet habe. Ich stehe mit meinem Motorrad nun schon 2 Jahre am Eingang zum DLC… ob das noch mal was wird?
    Nachdem ich so lange raus bin, fehlt mir der Antrieb sich wieder reinzufinden in alles… wenn man eine Weile raus ist, ist man raus.
    Ich bin wieder zum Gaming der 80er und frühen 90er zurückgekehrt. Spiele am C64, aber vor allem alte und neue Spiele am Atari 2600+/7800+. In der Zeit, in der ich bei Baldurs Gate 3 einen Charakter erstellt habe, zocke ich A.R.T.I für das Atari7800 durch (ein H.E.R.O Remake) und bin zufrieden. Die großen Spiele fühlen sich oft nach Arbeit an. Aber es gibt Ausnahmen, ich spiele gerade Indiana Jones und der große Kreis auf der Switch2 und für diese Plattform gibt es auch viele neue Retrogames, die sich nach 16 oder 32 Bit anfühlen. Dank Portable Mode bekommt man auch mehr Stunden auf die Uhr.

    Die Switch2 ist von den aktuellen Konsolen mein absoluter Liebling. Ich bin schon gespannt, was du demnächst so berichtest🤗

  2. Avatar von Alexander Strellen
    VSG-Autor

    Meine beiden Kinder sind 10 und 8. Mein Spielegeschmack hat sich vielleicht dahin geändert, das ich in Spielen weniger Hektik empfinden möchte. Die gibt es nämlich im Alltag genug. Man ist ja ständig damit beschäftigt Bedürfnisse zu befriedigen.
    Bei meinem ersten Kind hatte ich für 6 Monate meine Stunden von 40 auf 20 reduziert. So konnte meine Frau nach einem Jahr wieder arbeiten gehen. Damals war der Junior 1 Jahr alt. In dieser Zeit hatte ich viel gespielt. Immer wenn der junge Mann seinen Mittagsschlaf gehalten hat, konnte ich in aller Ruhe etwas spielen. Als sich dann meine Tochter angekündigt hat, wurde es weniger mit dem Spielen. Es fehlte dann einfach die Zeit und andere Dinge waren schöner oder wichtiger. Inzwischen komme ich aber wieder mehr zum Spielen. Oft bin ich am Abend aber einfach zu müde. Mein Tag beginnt um 5 Uhr und bis am Abend alles erledigt ist, wird es oft 21 Uhr. Der Beruf, die Familie, Haus&Garten, es gibt genug zu tun. Allerdings haben die Kinder inzwischen selber Interesse an Videospielen und manchmal spielen wir auch gemeinsam. Wahrscheinlich spielen die sogar mehr als ich. Solange die Noten in der Schule stimmen, sehen wir da kein Problem.

  3. Avatar von Dennis Deuster
    VSG-Autor

    Deine Berichte erinnern mich immer etwas an die Vergangenheit. Unsere Kids sind jetzt 9 und 5. Da verschieben sich die Problemfelder eher zum Thema Screentime in der Pre-Smartphone-Zeit. Ich scheue mich davor, vor allem dem Kleinen zuviel Bildschirmzeit für Mario Kart o.ä. zuzugestehen. Gleichzeitig möchte ich die Kinder natürlich trotzdem ans Gaming heran führen. Aber mit eigenem Haus, Vollzeitjob, bald zwei schulpflichtigen Kindern und ohnehin sehr limitierter Me-Time bzw Zeit alleine mit meiner Frau ist das immer ein Ausbalancieren von Bedürfnissen.

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