Diese (unvollendete) Geschichte nimmt euch mit in einen Mehrteiler darüber,
- wie die Leidenschaft für Spiele und die Umstände der Zeit einen Forschergeist formten (Teil 1)
- was ein zeitgemäßer wissenschaftlicher Blick auf Geschichte in digitalen Spielen damit zu tun hat (Teil 2)
- wie ich versuchte, eine riesige Vielfalt aus Blickwinkeln systematisch zu ordnen (Teil 3)
- welche Konsequenzen für Bewahrung, Archive und Museen daraus folgen (Teil 4)
- wie diese Erkenntnisse meine Arbeitsweisen umfassend prägen (Teil 5)
- welche Rolle eine überlegte Gestaltung meines Youtube-Kanals spielt (Teil 6)
- was das konkret für die vorgestellten Games bedeutet (Teil 7)
- und warum schließlich ohne Communitys nichts mehr geht (Teil 8)
Geschichte, persönlich genommen
Wer immer auch auf dieser Plattform schreibt, wählt in der Regel einen sehr persönlichen Zugang. Meist rücken die Beiträge zu Geschichten über und mit Spielen individuell bedeutsame Beziehungen in den Fokus: zu Titeln und Reihen, Hardware und Interfaces, Persönlichkeiten oder Events. In meinem Fall besteht dieser persönliche Ausgangspunkt eher in der Abwesenheit einer direkten Bindung. Noch bis in die frühen neunziger Jahre half alles Heulen und Zähneklappern nichts: Meine Eltern wandten sich mit stoischer (aber immerhin erzieherisch bewundernswerter) Konsequenz gegen all das elektronische Zeugs, das auf immer neuen Plattformen aus Übersee in die Wohn- und Spielzimmer schwappte.
Als bei uns schließlich mit den Neunzigern der allererste Rechner einzog – ein IBM PC 386 SX, natürlich klassisch als Arbeitsgerät in ein rollbares Büromöbel aus Kiefernholz verbaut – hatte ich ganze Generationen des interaktiven Mediums verpasst. Mit meinem Baujahr 1977 war ich obendrein für die Arcadeautomaten zu jung. Deutsche Jugendschützer verbannten sie ohnehin bald in Spielhallen. Atari, C64/128, Amiga 500/2000, N64, Sega Master System – all deren pulsierende Welten zogen an mir vorbei. Wie ein hungriges Kind drückte ich meine Nase am Auslagenfenster der elektronischen Wursttheke platt.
Naja, fast. Denn natürlich hatten Freunde von mir die verschiedensten Geräte und packende Games: „Summer“ und „Winter Games“ (1984) natürlich, und das geliebte „Madness“ (1986) auf dem C64, „Giana Sisters“ (1987), „North and South“ (1989) und später „Battle Isle“ (1992) auf dem Amiga sowie „Gangster Town“ (1987) auf dem Sega Master mit Laserknarren. Als Schwimmer verpasste ich meine Starts wegen „Zelda: Link’s Awakening“ (1991) auf dem Gameboy eines Team-Kollegen.


Natürlich war meine Jugend in den Augen meiner Eltern viel besser als die dieser Freunde, schließlich ging ICH ja viel raus: Gut, irgendwie musste ich ja zu meinen Freunden und ihren Geräten kommen. Die wenigsten hatten ausreichend Hardware um gleichzeitig mit- oder gegeneinander zu spielen. Und so wurde, was heute die meisten Twitch-Streamer nervt, quasi zu meiner Default-Einstellung: als Backseat-Gamer auf der Rückbank mitfiebern. Das große gelegentliche Highlight war, selbst mal unter Anleitung der Freunde ran zu dürfen.
Wenn ich so heute zurückdenke – und man soll bei der Konstruktion einer eigenen Biografie gewiss vorsichtig sein – scheint mir zumindest plausibel, dass mir dieser Schulterblick meine forschende Perspektive auf digitale Spiele und ihre Kultur geschärft hat. Die kontinuierliche Begeisterung für vielen Spielformen (vielleicht abgesehen von Sportspielen), auf unterschiedlichen Plattformen (von mobilen über Konsolen bis zu PCs und VR/AR) und aus diversen Dekaden verband sich schließlich im Studium mit einer gewissen Verwunderung: Interessiert denn hier in der Geschichtswissenschaft niemand die Bedeutung der Geschichte von und in digitalen Spielen? Werden sie auf Tagungen und in der Literatur wirklich höchstens dann relevant, sobald es um einen möglichen Nutzen für den schulischen Unterricht geht?
Wieso reicht vielen die Rechthaberei aus, wie Geschichte eigentlich korrekt sein müsste? Warum bezieht in die Bewertung kaum jemand die medialen Grundeigenschaften der Spiele ein – zum Beispiel im Vergleich zu Film, Audio oder Buch?

Durchaus entgegen akademischer Widerstände (und manch achselzuckender Gleichgültigkeit) führte ich deshalb von 2009 bis 2020 das Blog „Keimling“. Darin arbeitete ich innovative Blickwinkel auf digitale Spiele, Gesellschaft und historische Elemente heraus. Die Public History an der Universität Hamburg ermöglichte mir ab 2014 in der Wissenschaft zu forschen und zu lehren. Nach jahrelanger Arbeit bündelte ich meine Ergebnisse zu „Erinnerungskulturellen Wissenssystemen“ in einer Doktorarbeit über „Geschichte und Erinnerung in Computerspielen“ (2020). Außergewöhnlich fruchtbar erwiesen sich dabei innovative kollaborative Projektkurse. Sie brachten Studierende und Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft, institutionelle Partner von Museen und Gedenkorten sowie aufgeschlossene Unternehmer:innen aus der Games Branche zusammen, um gemeinsam historische Blickwinkel auf Spiele, Spielformen, Szenarien, die Branche und Personen zu werfen.

Deshalb freut mich die Anfrage von André auch sehr, bei videospielgeschichten.de nicht nur meine eigene Herangehensweise zu beleuchten. Den Lichtkegel richtet meine persönliche Perspektive zudem auf offene Flanken der Geschichtswissenschaft aus. Nicht zuletzt ist mir das wichtig, weil Communitys wie hier eine erhebliche geschichtliche Bedeutung zukommt: als Quelle, für die Bewahrung und für Erinnerungen. Aber dazu später mehr.
Aktuell bin ich nicht zwar nicht an einer Hochschule tätig. Als Gastwissenschaftler erhält man keine Bezahlung, immerhin aber befristet Zugang zu Mailadresse, Datenbanken und Bibliotheken, um ein neues Vorhaben zu entwickeln. Wie schon vor 2009 treibt mich persönlich weiter an, über zeitgemäßere Blickwinkel auf Geschichte aufzuklären. Geschichtsbilder in Spielen und über Spiele beeinflussen so viele Aspekte unserer Gegenwart. Miltärshooter, Mittelalter-RPGs, koloniale WiSims transportieren sie offensichtlich und subversiv.
In meinem Blog schreibe ich seit 2021 nicht mehr. Scheinbar nutzt das heutige Publikum lieber audiovisuelle Informationskanäle, und so schwenkte ich auf meinen Youtube-Kanal um. Zentral sind dafür gut 90 Videos in der Reihe „Quickshot“. Allerdings halte ich auch das Blog Keimling online, weil viele andere darauf verweisen und daraus zitieren. Ohnehin habe ich dorthin wie ein „extended memory“ alle Inhalte verlinkt, die auch mit dem Schuhlöffel nicht mehr in meine ausufernde Doktorarbeit reinpassen wollten.
Die Menge der Videos zeigt, dass jenseits von persönlichen Erinnerungen und anekdotischen Geschichten eben auch zu DER Geschichte von und in digitalen Spielen längst nicht alles gesagt ist. Diese Community hat mir mit ihren Beiträgen in den letzten Dekaden sehr weitergeholfen. Ich finde, es wird Zeit, etwas zurückzugeben. Deshalb nehme ich euch in meine eigene Herangehensweise aus bald 20 Jahren in dieser Reihe mit. Also: press start, and continue…
Weiter geht es demnächst mit: „Spiel mit historischer Leidenschaft“ (Teil 2)







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