In der dreckigen Wüste Arizonas lässt sich gut schlittern. Marcel Dörpinghaus, 2026.

Old School Rally – Nur noch eine Runde!

Marcel Dörpinghaus

17 Beiträge · 101 Kommentare · tragende Stimme der Community

Brumm… brumm… brumm… nächste Runde… zZz… Wieso guckt der Onkel um 4 Uhr morgens überzüchteten Raketen auf Reifen zu? Wieso gibt es ein ganzes Genre – vermutlich sogar mit zahlreichen Untergenres – rund ums Rennfahren? Ist ein Platz auf dem Treppchen immer das Ziel? Und wie schafft es dieses Spiel, jemanden ohne Leidenschaft, Erfahrung und Interesse so sehr zu fesseln? Und das für keine 15 Euro? Gang rein, einmal noch!!!

Kurz vorweg: Geschlechtsneutral zu schreiben ist nicht immer einfach und möglich, deshalb habe ich mal das eine dann das andere Pronomen verwendet. Toll seid ihr alle!

Direkt reingesprungen: Old School Rally ist ein Rennspiel. Jopp. Es geht ums Rumdüsen mit möglichst kräftigen Boliden – aber angemessen und erspielt! Kurz: ein Prinzip, das ich seit NFS III kenne (Italdesign Scigera). Natürlich geht Old School Rally dabei seine eigenen Wege.

Wir fahren eher bodenständige Wagen. Die Strecken hingegen sind wirklich mit Köpfchen gebaut. Wir flitzen durch eine mittelschwere Kurve, über eine Brücke, um danach punktgenau durch ein japanisches Tor zu schlittern – großartig und mit viel Gefühl. Die Entwickelnden legen nicht einfach nur engere Kurven an, sondern behalten die gesamte Strecke im Blick, um alle Abschnitte aufeinander abzustimmen. Die zuvor genannte Kurve wird über eine lange Gerade angefahren, die zum Rasen einlädt, und mündet schließlich in die erwähnte Brücke. Das Gefühl am Lenkrad allein reicht dabei nicht aus. Hier muss auch der Kopf mitarbeiten – genau das macht einen großen Teil der Herausforderung von Old School Rally aus.

Über Stock und Stein, durch verschiedene „Biome“, in Finnland, Kamerun oder Arizona – jede Umgebung hat ihre ganz eigenen Eigenheiten. Auf gefrorenen Strecken kämpfen wir zum Beispiel häufiger mit Eis auf der Piste. Haben wir die jeweilige Bestzeit geschlagen, geht es weiter zur nächsten Strecke. Eine Rally besteht aus mehreren Etappen, und mit ihrem Abschluss erhalten wir Geld, um weitere Autos freizuschalten. Diese unterscheiden sich in vier Werten, etwa bei Handhabung und Beschleunigung. Auch hier erwartet uns nichts grundlegend Neues.

Brumm, brumm! Auch Schottland kann schöne Gegenden haben. Marcel Dörpinghaus, 2026.
Brumm, brumm! Auch Schottland kann schöne Gegenden haben. Marcel Dörpinghaus, 2026.

Schneller Spaß und langsames „Gib Gas!“

Für mich ist das Schlagen einer Etappe allerdings ziemlich anspruchsvoll und erfordert einige Versuche. Zum Glück kann man das Spiel jederzeit anschalten und direkt loslegen – selbst wenn beim Kochen nur fünf Minuten übrig sind. Menschen im Internet schreiben allerdings häufig, dass es wohl zu leicht sei, hier erfolgreich zu sein. Solltet ihr also bereits erfahren sein, ist das Spiel vielleicht eher ein kleiner Snack für zwischendurch, den man schnell aus dem Games-Kühlschrank holt und in einem Happen verschlingt.

Was zunächst auffällt, ist die spartanische Technik. Und bevor ich auf das eingehe, was direkt ins Auge fällt (höhö!), möchte ich noch kurz loswerden, dass der Soundtrack ebenfalls sehr reduziert ausfällt. Wir hören, glaube ich, drei oder vier verschiedene Stücke. Wirklich zusammenpassen wollen sie für mein Empfinden allerdings nicht. Der eine Song geht eher in Richtung Hard Rock, der andere in elektronischen Lo-Fi. Schlecht sind sie keineswegs – jeder funktioniert für sich –, aber insgesamt wirken sie etwas beliebig. Nicht überflüssig, eher nach dem Motto: „Hauptsache, da ist etwas.“ Möge die KI mit dir sein. Aber auch hier gilt: Das Studio konzentriert sich aufs Fahren und alles, was dazugehört. Die Ressourcen wurden also sinnvoll verteilt!

Also zurück zu dem, was ins Auge fällt: Old School Rally präsentiert sich in einer PS1-Optik. Und das ist keineswegs böse gemeint, sondern eben: Old School. Während die einen beim Begriff vielleicht eher ein klassisches Fahrgefühl erwarten würden, zeigt sich das Spiel als Gesamtpaket konsequent nostalgisch – und genau das finde ich wirklich toll! Grafik sollte charakteristisch und vor allem stimmig sein. Das ist sie hier auf jeden Fall. Ich plane weder alle paar Jahre einen neuen Rechner ein, noch kaufe ich mir regelmäßig AAA-Boliden.

Bei Nacht entfalten die Strecken ihren ganz eigenen Charme. Marcel Dörpinghaus, 2026.
Bei Nacht entfalten die Strecken ihren ganz eigenen Charme. Marcel Dörpinghaus, 2026.

Als mittlerweile bekennender Fan von Indie-Spielen freue ich mich vor allem über frische Ideen, spontane und unerwartete Überraschungen bei Spielmechaniken oder über die Handschrift der Entwickelnden, die sich in Easter Eggs und all den kleinen Einfällen zeigt. Na gut, Letztere hat man schon länger nicht mehr gesehen (notieren für einen anderen Artikel). Sie sorgen aber dafür, dass ich neugierig bleibe und immer wieder auf die Suche gehe.

Old School Rally bedient diese Suche an allen Ecken und Enden. Die Grafik empfinde ich dabei weder als störend noch als bloßen Zweck. Stattdessen vermittelt sie mir das Gefühl, dass das Spiel selbst im Mittelpunkt steht – und, na ja, eben auch die Nostalgie. So bleibt selbst ein Genrefremder am Ball und murmelt sich immer wieder ein „Nur noch einen Versuch“ vor – ganze Nachmittage und Nächte lang. Hatte ich nicht mal eine Partnerin?

Die gute alte Zeit

Als absoluter Ballerheini ist mir dieses Genre eigentlich immer fremd geblieben. Ich konnte mich nie so richtig dafür begeistern. Als Need for Speed durchstartete, war ich gerade einmal knapp zehn Jahre alt. NFS III war dann das erste Rennspiel, das meinen Bruder und mich rund um die Uhr an den Bildschirm fesselte. Aber: Man hatte ja nichts – außer Sicherheitskopien von älteren Cousins und dem, was auf dem Schulhof herumgereicht wurde. Einige Jahre später, nachdem ich die deutlich interessanteren, eingängigeren und für mich passenderen Ego-Shooter entdeckt hatte, kam das nächste Rennspiel, das auf dem Schulhof gehypt wurde: Need for Speed: Underground 1 und 2.

Danach kam FlatOut 2. An Konsolentiteln gab es wahrscheinlich ebenfalls jede Menge, von denen ich mitbekam – interessiert haben sie mich allerdings nie. Außerdem brauchte man für Konsolen den elterlichen Fernseher. Da waren PCs doch deutlich flexibler und vom ersten Azubi-Gehalt schnell gekauft. Und trotzdem hat es bis zu Old School Rally gedauert, bis ich wieder Spaß an diesem Genre gefunden habe. Ich glaube, gerade das notwendige Mitdenken – nicht nur Gas geben und möglichst viele Gegner überholen – hat mich gepackt. Nur noch eine Runde. Hier sind Geschick und Köpfchen gleichermaßen gefragt, und genau diese Mischung funktioniert großartig.

Nein – auch, weil das Spiel einen wunderbaren Retrocharme versprüht. Es mag sein, dass es heute für viele darum geht, ihrer RTX 5090 mit aktueller Technik einen Daseinszweck zu geben. Dagegen würde ich aber niemals meine Lebensversicherung eintauschen. Old School Rally ist konsequent in PS1-Optik gehalten. Und damit meine ich nicht nur ein paar Ecken und Kanten. Die Texturen sind verpixelt und verwaschen, eine Handvoll Biome unterstreicht diesen reduzierten Stil. Es ist einfach. Nur. Retrotastisch!

Die kleinen Dörfer Englands haben enge Straßen – aufgepasst! Marcel Dörpinghaus, 2026.
Die kleinen Dörfer Englands haben enge Straßen – aufgepasst! Marcel Dörpinghaus, 2026.

Auf der Platte über Umwege

Thomas, über den ich Old School Rally überhaupt erst kennengelernt habe, ist sowohl Retrofreak und -aussteller als auch absoluter Rennspiel-Geek. Jedes Mal, wenn wir miteinander schnacken, schickt er mir Fotos seiner neuesten PlayStation-Käufe, zeigt mir neue Rennspiele oder Bilder vom Nürburgring. Kennengelernt habe ich ihn bei einem Interview auf der Classic Video Games Convention. Und nicht nur bei Rennspielen schlägt sein Herz höher. Vielleicht erzählt er euch davon ja irgendwann einmal selbst. 😉

(P.S.: Sorry, Thomas, dass ich bisher noch nichts veröffentlicht habe. Video ist einfach nicht mein Medium …)

Auch die Technik ist Oldschool. Gesteuert werden die Karossen sowohl mit der Tastatur als auch mit Controllern. Zu Lenkrädern oder Joysticks kann ich allerdings nichts sagen. Ich gehe aber davon aus, dass auch diese problemlos unterstützt werden. Ältere Systeme haben ebenfalls keinen Nachteil, da Grafik und Technik bewusst schlicht gehalten sind. Ob das Spiel nativ unter Linux läuft, kann ich allerdings nicht sagen. Mit Proton und vermutlich auch Wine über Lutris dürfte es aber keine Probleme geben.

Wo wir gerade bei Linux und Controllern sind: Auf das Steam Deck und Co. passt Old School Rally wie die Faust aufs Auge. Wir schauen stets nach vorne und reagieren auf das, was uns vor die Räder geworfen wird. Mehr als die beiden Sticks und ein paar Tasten braucht es dafür nicht – eigentlich sogar noch weniger. Um ein Fahrzeug zu kontrollieren, benötigen wir in Stunt Car Racer vermutlich sogar mehr Knöpfe: links, rechts, Gas, Bremse, Handbremse, Zurücksetzen … Habe ich etwas vergessen? Soweit ich mich erinnere: nein. Nun gut, das kann auch an meiner Rübe liegen. Aber wirklich: Hier geht es einfach nur ums Autofahren. Schicht.

Die Optionen sind kompakt. Es gibt nichts Überflüssiges, und sogar ein Accessibility-Feature wurde eingebaut. Zugegeben, das allein wirkt noch etwas mager. Dennoch ist es sicher nicht einfach, neben der eigentlichen Entwicklung des Spiels auch solchen Themen ausreichend Ressourcen zu widmen. Natürlich sollten möglichst viele Menschen Spaß daran haben können. Vielleicht taucht ja irgendwann noch ein entsprechender Patch aus dem Bit-Bällebad auf …

Auf Handhelds wie dem Deck ein Renner... Pfiffig mitten im Umbau der Sticks ein Bild zu machen. Marcel Dörpinghaus, 2026.
Auf Handhelds wie dem Deck ein Renner…
Pfiffig mitten im Umbau der Sticks ein Bild zu machen. Marcel Dörpinghaus, 2026.

Ein goldener Zauberer

Übrigens, was ich bisher noch gar nicht erzählt habe, aber wirklich großartig finde: Old School Rally wurde entworfen und größtenteils von nur einem einzigen Menschen entwickeltSakis Rogdas gründete Frozen Lake Games und beschreibt sich selbst als überzeugten Indieentwickler – und das bereits seit 2005. Alles, was dafür nötig war, hat er sich selbst beigebracht und lebt den Geist, für den die Indie-Szene steht. Meiner Meinung nach absolut unterstützenswert – etwas, wofür der Zaster ruhig etwas lockerer sitzen darf. Zumal Indie-Spiele in den meisten Fällen ohnehin keine großen Summen kosten.

So viel zu Old School Rally. Was ist nun mein Resümee? Vielleicht, dass Rennspiele bei mir doch nicht so ganz auf verlorenem Posten sind – vorausgesetzt, sie verlangen mehr, als einfach nur Gas zu geben. Vielleicht braucht es dafür aber auch gerade ein Indie-Spiel, weil sich diese mehr trauen? Und einmal mehr zeigt sich für mich, dass Indie-Spiele oft die spannenderen Ideen und die schöneren Geschichten haben.

Euer
Brumm-Brumm-Marcel

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8 Kommentare zu „Old School Rally – Nur noch eine Runde!“

  1. Avatar von Alexander Strellen
    VSG-Autor

    Als alter Colin McRae Rally Fan bin ich natürlich auch auf dieses Spiel aufmerksam geworden. Für die Switch gab (oder gibt) es eine Demo. Die habe ich ausführlich gespielt. Ich kann es für jeden empfehlen, der ein solides Rally Spiel mit leichtem Zugang sucht. Es macht auf jeden Fall eine Menge Spaß für einen fairen Preis. Realistisches Fahrverhalten soll aber niemand erwarten. Da muss man realistisch sein. Wenn ich das richtig im Kopf habe, kann man in den Einstellungen sogar den Detailgrad der Grafik einstellen.

  2. Avatar von Kevin Puschak
    VSG-Autor

    Old School Rally war auch ein Titel, den ich mir mal näher anschauen wollte. Auch wenn man hier wieder zum sehr beliebten PlayStation-1-Filter mit den grobpixeligen Texturen zurückgegriffen hat und das Spiel dadurch ausschaut wie ein Colin McRae Rally im Software-Rendering. (Es hatte bei entsprechenden Komponenten und entsprechender Einstellung sogar transparente Scheiben)

    So wie es in Bewegtbild ausschaut, hat’s aber auch alles, was ein gutes Oldschool-Rallyspiel braucht: ordentliche Strecken- und Fahrzeugvielfalt.

    André EymannMarcel Dörpinghaus
    1. Avatar von Thomas Ricke
      Thomas Ricke
      Gast

      Ich kann es nur empfehlen!
      Digital nur knapp über 10€

      Physisch um die 30 – wenn noch verfügbar…

      viel Spaß

      André EymannMarcel Dörpinghaus
    2. Avatar von Marcel Dörpinghaus

      Hallo Kevin,
      Ja, den Collin Mc Rae-Vergleich habe ich auch schon zu gehören gekriegt. Davon ab ist es aber ein schönes Spiel, gerade würde Casualeros, die mal das Genre erleben wollen. Großer Schnischnschnack ist hier nicht zu finden.

      Lieben Gruß!

      André Eymann
  3. Avatar von Thomas Ricke
    Thomas Ricke
    Gast

    Übrigens, wer physische Releases mag (wie ich):

    Meridiem Games als Publisher hat OSR für Switch und PS5 herausgebracht.

    Ich habe sehr früh im Early Access supported aber sofort als ich mitbekommen habe, dass es eine physische Version gibt die Switch Version bestellt.

    André EymannMarcel Dörpinghaus
    1. Avatar von Marcel Dörpinghaus

      Moin moin Thomas,
      Deine Credits hast du bekommen, hm? 😉

      Danke für die Zusatzinfos und vor allem für den Tipp – das nächste mal andersherum.

      Lieben Gruß!

      André Eymann
      1. Avatar von Thomas Ricke
        Thomas Ricke
        Gast

        Vielen Dank für den Shout-out in jedem Fall!
        Und LG zurück – bis später in der Aufnahme 😉

        André Eymann
  4. Avatar von Thomas Ricke
    Thomas Ricke
    Gast

    So ein gutes Spiel!
    Volle Colin McRae Rally vibes

    André EymannMarcel Dörpinghaus

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