Wolfenstein: Neben Quake und Doom DIE id-Marke. Japp, ich schreibe mal wieder über ein Werk dieser Veteranen von schnellem Gameplay, großartigem Waffenhandling und einzigartig-flottem Movement. Eine Rückkehr in die Jugend für die eine, ein Nachholen von Kultur für den anderen, und eine tolle Symbiose aus früher und heute!
Kurz vorweg: Geschlechtsneutral zu schreiben ist nicht immer einfach und möglich, deshalb habe ich mal das eine dann das andere Pronomen verwendet. Toll seid ihr alle!
Mit Baujahr ’89 bin ich jetzt nicht unmittelbar in die Hochzeit von id hineingeboren, ich brüste mich aber gern damit, eine, in Sachen First-Person-Shooter, sehr intensive Zeit erlebt zu haben. In dieser gab es Quake 3 Arena, UT 2003 und -2004 oder Medal of Honor. Namen, die bis heute nachhallen und auch, wie Zombies mit neuen Kleidern, immer wieder auferstehen. Wolfenstein 3D verpasste ich aber. Wolfenstein: Blade of Agony ist ein Shooter im Weltkriegssetting, in 2,5D. Damit gemeint ist eine 3D-Welt, aber Papiermenschen. Platte Sprites, die im Bild erscheinen und bewegliche, drohende Recken, darstellen.
Wolfenstein aber, samt Hype, verpasste ich. Die Bewertung ist heute unter vielen Zeitgenossen, Veteranen und Nachwuchs, dass Wolfenstein ins Museum gehört und ich unmöglich daran Spaß haben kann. Mittlerweile weiß ich aber, dass nicht die Grafik, sondern ein gutes Gameplay, ein originelles Setting, Kreativität im Allgemeinen oder was anderes nicht-Visuelles ein brillantes Spiel ausmachen. Als erstes lief mir da Ion Fury über den Weg. Eine futuristische Stadt und 2D-Gegner, in unterschiedlichen Anzügen und Bewaffnungen galt es zu beerdigen, flott und präzise – Oh Gott, 1992 lebt!
Ich weiß gerade nicht, ob ich der Standalone Modifikation gegenüber skeptisch war. Sicher aber im kleinen Spott, als ich Blade of Agony startete. Und „zack“, nach einigen Ecken auf den Dächern einer Großstadt, war es um mich geschehen. Ein tolles Spielgefühl, mitsamt einem rasanten Stattfinden der Dinge und dem, was Spiele heute ausmacht, packte mich sofort. Die platten Gegner taten dabei das, was Gegner eben tun: Sie waren zum Umschießen da. Sogar taktisch hielten sie mit vielen heutigen FPS mit. Also, nicht unbedingt im positiven, aber hey, welches Genre ist perfekt? Zumal sind sie in der Sache nicht die negativsten.
Ein weiteres Mal Captain William B.J. Blazkowicz
Das Hauptmenü ist übersichtlich. Wir sehen New Game, Options, Saves, Help & Infos und das übliche Quit. Die Bezeichnung New Game ist eigentlich nicht angemessen. Unser Einstieg packt uns, nach der Wahl des Schwierigkeitsgrades und einer Introsequenz (Wir sind amerikanische Wüstenkrieger und müssen NSDAPler umlegen), ganz Medal-of-Honor-artig, in einer kleinen Siedlung in der Wüste uns erst mal umsehen. In einem Herrenhaus samt Personal und Weiterem (später!), holen wir uns unsere erste Mission ab und starten.
Mit einem Messer in der Hand, schleichen wir uns an einer Festungsanlage am Strand hinter einige Soldaten und meucheln heimtückisch auf der Suche nach dem ersten Schießeisen. Dann endlich ist es soweit: Eine Luger! Rottweiler schießen auf uns zu, Stahlhelmschergen eröffnen das Feuer. Schnell huschen wir hinter die nächste Kiste und schießen den Schwarzfellen zwischen die Augen. Die drei Kugeln, welche das Magazin unserer Waffe noch hergibt, platzieren wir wild strafend auf die metallischen Zielscheiben – Eine MP44 ist der Lohn!

Die Kontrahenten lassen verschiedene Schießeisen fallen, darunter natürlich MG 42 und MP 44, Granaten, Flammen- und Raketenwerfer… spielerisch eine gute Grundlage für verschiedenartige Action. Gegner sind selten mehr als Kanonenfutter. Sie kommen hervor und eröffnen das Feuer. Zwar verfolgen sie uns nicht aus Deckung, aber das war es schon an „Intelligenz“. Anfang der 90er waren die Standards eben anders – und rundet das Erlebnis wunderbar ab.
Schergen jagen uns Treppen hoch, wir bedanken uns mit einer Stielgranate-24, die nun in den Abgrund fliegt. Von vorn steht aber ein Hauptmann samt Mütze, der etwas mehr aushält und beschützt wird. Ein Fall für Blaskowicz und schweres Gerät. Mit dem MG-50 mähen wir den Trupp nieder. Mit dem nächsten Gegner sind wir aber überfordert. Ein massiger Wissenschaftler samt Messern, welche in unsere Richtung fliegen und sich ins Fleisch bohren, sammelt die gesamte Munition unseres Arsenals auf. Wir stehen nackt samt Schaufel vor ihm. Roter Bildschirm, F9 – Jetzt ist das Vieh dran!
Beispiel einer weiteren Mission: Im Hauptquartier wird auf unsere Bitte hin, „Operation Speerspitze“ auf einem Projektor vorgestellt. Wir infiltrieren eine Festung und nehmen mit, was wir kriegen können. Von dem Loot kaufen wir später weitere Ausrüstung, Kompasse, Westen… Links und rechts wird der Kampfplatz eingesäumt von hohen Felsen. Die Führung ist linear, mit kleinen Pfaden zwischen den Steinkegeln durch. Auf den Sandhütten stehen WWII-Soldaten, vermutlich des Dritten Reichs, welche nun mit Präzision von unserem Scharfschützengewehr gezielt über den Jordan geschickt werden.

Weitere kommen zwischen den Hütten her, beschießen uns wütig mit MP44-Maschinenpistolen aus den Fenstern. Hinter einem Fass finden wir Zuflucht. Eine Granate reißt zwei weitere Soldaten in den Tod, aber -KABUMMS-! Hinter uns steht ein grinsendes Stahlhelmschwein, der Bildschirm wird rot… ein weiteres Mal F9! Wer ab und zu was von mir liest, wird seit meinem „Boomer-Shooter: Wenn Shooter Shooter sein wollen“-Artikel wissen, auf welchen Pfaden ich bevorzugt rumstolpere.
Blade of Agony war mir kein Begriff. Ich stieß darauf, als ich meine Steambibliothek und den Streaming-Service ignorierte und nach Open-Source-Software suchte, die mit Liebe in zehn Jahren, anstatt von übergroßen Studios und finanzstarken Publishern, geboren wurde. Ich gab „FPS“, „Shooter“, „Wolfenstein“ oder was auch immer in der Softwareverwaltung meines Systems ein, und im Flathub sah ich einen Begriff herausragen, inmitten der anderen bestimmt auch guten Machwerke. Sicherlich steht auf der Internetpräsenz auch eine Version für Windows und macOS bereit.
Aber hey, wenn da schon Wolfenstein steht und das umsonst ist, warum denn nicht mal probieren? Und was es da zu „probieren“ gab. Ein Spiel, das man wohl weder in Ausrichtung, Leveldesign oder Umgebung vergleichen kann. Natürlich ist es jeweils eine Mod, natürlich sind hier und da Assets in Sound und Grafik aus dem Hauptspiel Doom 2 und wir sehen größtenteils Levels aus den immer selben Tiles – Aber nie mit dem Gefühl, dort schon gewesen zu sein. Wolfenstein – Blade of Agony ist eineSoftware, der man die Liebe der verschiedenen Schaffenden in jedem Waffenkammerwinkel merkt.

Schlotternde Einleitung in die Pubertät
Mit einem Wolfenstein bin ich auch in mein Gamerleben gestartet. Return to Castle Wolfenstein war aber vielleicht etwas zu intensiv für einen 11-jährigen Marcel. Nazis umlegen, ok, aber die Prüfungen unter dem Friedhof, mitsamt seinen Zombies und Bossen, haben ganz schön was hinterlassen. Na gut, nicht genug, um als nächstes mit Dennis, vor dem ruckeligen Pentium-3-PC, Doom III zu spielen. Anderer Text.
Drei Kampagnen und unterschiedliche Erfahrungen stehen zur Verfügung. Die Kampagnen spielen sich wirklich krass unterschiedlich, fassen aber eine große Geschichte ein.
Kampagne Nummer 1 schickt uns in die bereits angeteaserte Wüste. Das größte Anwesen, Gebäude, das als Unterschlupf dient, ist der Mittelpunkt eines Hubs. Hier heilen wir uns zwischen den Missionen, kaufen Ausrüstung von dem Geld, das wir für erfolgreiche Einsätze verdienen, besorgen uns neue Herausforderungen bei der Barfrau, oder dem General im Lagerraum. Dazu gibt es eine Menge Charaktere, welche uns ebenfalls bedienen oder Nebenmissionen zur Hand haben. Vom General bekommen wir die Missionen der Hauptstory.
Wir schießen uns durch Gegnergruppen, entdecken Secrets und schleichen durch Minenfelder. Wirklich gelungen und es gibt allerlei zu entdecken, die Menschen von Blade of Agony haben sich einfallen lassen. Natürlich gibt es die meiste Zeit etwas vor die Flinte, aber es lohnt sich immer die Augen offen zu halten. Was soll ich schreiben? Maus raus, und nachgeladen!

Die zweite Kampagne schickt uns in den tiefen Wald, samt Wehranlagen, mit einem Messer, auf die Flucht. Einem Stealthgame gleich, müssen wir Schatten nutzen und Lichtquellen vermeiden – Splinter Cell. Und schleichen in Bunkern des WWII aus der Ego-Perspektive. Eine Kombination, bei der man ab und an zulassen muss, sie aufzunehmen und zu genießen, und sicher ist sie nicht für jederfrau, aber die Ausführung und Kreativität der Entwickelnden sind großartig – und macht sofort neugierig.
Kampagne 3 schließlich ist wieder traditioneller und bedient den typischen Rahmen von Id. Eine dunkle Umgebung empfängt uns, eine Rundung mit Treppe, die links und rechts aufsteigt. Wir gehen hoch und springen in die Mitte des Kreises – und werden vom finalen Boss erwartet. Das ultimative Böse empfängt uns, bekannter Abschaum der uns sofort zum Abdrücken triggert! Doch wer genau uns doch erwartet, müsst ihr schon selbst herausfinden (KI und YouTube zählen nicht!)…

Zwischen den Missionen kehren wir zurück zu unserer Basis und suchen Bartresen, verschiedene NPCs und ihre Items oder Nebenquests auf oder versorgen uns beim Händler mit Ausrüstung, für das erbeutete Geld.
Mit voller Überzeugung in der Entwicklung
Die ebenfalls Blade-of-Agony-heißenden Entwickelnden benutzten die GZDoom-Engine und beabsichtigten einen Story-Driven-Shooter, mit Verweisen auf Call of Duty und Medal of Honor. Nicht nur grafisch wurde versucht, hier einen mindestens ordentlichen Shooter abzuliefern. Sämtliche Sounds sind satt und auch die Figuren haben Stimmen, bellen Befehle oder kreischen vor Angst. Die Entwickler von Blade of Agony sind unter sich und beschreiben sich als eine Gruppe, die nur für die Entwicklung der Modifikation zusammengefunden hat.
Das Team ist international, unter anderem ein deutscher Lead-Developer, Grafiker für Sprites aus der Ukraine, ein Programmierer aus Italien… ein Titel mit einer Vision von vielen Fans. Die Arbeit des Teams hat sogar so hohe Wellen geschlagen, dass es in einen der Hauptsender unseres Landes geschafft hat, als eigenes Feature bei Deutschlandfunk Kultur.
Die internationale Zusammenarbeit ist, was gegen das Thema steht. Einmal mehr spielen wir den Helden der Amerikaner, gegen die bösen Deutschen. Natürlich geht es nicht darum, uns Deutsche als Opfer zu benennen, natürlich waren unsere eventuell diejenigen, die den Film mitgefahren oder ermöglicht haben, natürlich haben sie auch darunter gelitten.
Thematisiert das Wolfenstein: Blade of Agony? Nein. Sollte es das thematisieren? Sicher, meiner Meinung nach auf eine aufklärerische, aber unterhaltsame Weise. Wie sieht das aus? Ich weiß es nicht und sehe es auch nicht als meine Aufgabe an, ein Spiel zu planen, Mod hin oder her. Eher ist es, was ich und Meinesgleichen, nicht nur der Weltbürger, sondern vor allem wir Deutschen, ob hier geboren oder nicht, darauf zu achten und gegebenenfalls drauf hinzuweisen haben.
Und unterhaltende Medien sollten doch hier und da einen Hinweis geben, dass die Amis nicht nur Befreier waren und die Deutschen nicht nur Opfer und Aggressoren. Ich denke, dass gerade Spiele wie Wolfenstein Potenzial haben aufzuklären und eine Warnung geben können, das JEDES Volk in eine Autokratie samt Imperialismus fallen kann. Und dass auch deine Angehörigen, Leid, Trauer und Verlust zu erleiden haben. Nun gut, zurück zur unreflektierten Unterhaltung.

Trotzdem bewusst zocken
Wolfenstein: Blade of Agony gleicht an vielen Stellen einem typischen B-Film der 80er, oder einem 2005er WWII Shooter. Ein Setting, das man heute wieder verwenden kann. Aber sämtliche Symbole, Schriften und Ausrufe der Nationalsozialisten in der Mod sind nicht zensiert. Wir Deutschen sollten eine besondere Vorbildung haben, die uns diesen ganzen Kram einordnen lässt. Bitte bitte bitte, das hier ist ein fiktives Werk, nichts was leicht auf die Schippe zu nehmen ist. Wenn ihr aber zur Abstraktion fähig seid, dann nehmt euren Shooterspaß in die Hand.
Pubertät vorbei und jetzt alt und halleluja, was hatte ich einen Spaß und werde sicher wieder zurückkommen! Solltet ihr zuvor angesprochene Veteranen sein, Menschen die zwischen ’90 und ’00 eingetaucht sind, in die Welt der schnellen Ballereien, dann habt ihr hier sowieso ein Werk vor euch, das euch garantiert die letzten Jahre gefehlt hat. Allen meiner Generation aufwärts kann ich Blade of Agony nur wärmstens empfehlen, für jedes Geld, umsonst!
Mit dieser Modifikation lernt ihr kennen, welche Grundsteine gelegt wurden. Macht den Kopf (fast) aus und rein ins Gewummel! Verschiedenes werdet ihr aber sicher noch wiedersehen: Karte, Hub, Kompass. Ihr werdet nicht ins eiskalte Wasser geworfen – versprochen!

Im Resümee muss ich wirklich sagen, dass es wunderbare Welten abseits von Steam und dem Game Pass gibt. Menschen, die mit Leidenschaft Welten erschaffen, sich Konzepte ausdenken und wie diese sich verwirklichen lassen. Wunderbare Spiele!
Ich möchte noch auf ModDB.com hinweisen, einem Platz an dem Modifikationen zu verschiedenen Spielen, aller Art und Zeiten, gesammelt werden. Zum anderen ebenfalls auf Paketlisten, in denen wunderbare und geheime Schätze schlummern, die sich mit einem Klick installieren lassen.
Solltet ihr also alt sein, Lust auf was wirklich Neues haben oder euer kulturelles Wissen erweitern, Schlagt zu!
Euer
Ausbruch-Ami-und-Stielgranaten-Marcel







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