23 – Vom C64 bis Hagbard Celine: Mein Deep Dive in die Hackerwelt der 80er

Steffen Anton

16 Beiträge · 47 Kommentare · prägende Stimme der Community

Wann immer ein bestimmtes Thema ein größeres Interesse bei mir erzeugt, versuche ich so tief wie möglich in die Materie einzutauchen und so viel wie möglich darüber herauszufinden. Auf Neudeutsch nennt man das wohl „Deep Dive“. Es fängt meist mit einer Recherche bei Wikipedia an und endet nicht selten damit, dass ich mich mit Büchern über das entsprechende Gebiet eindecke, um mich wochenlang darin zu vergraben. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Geschichte des Computerhackers Karl Koch aus Hannover.

Die Illuminatus!-Trilogie: Lesen auf eigene Gefahr! (Bild: Steffen Anton)
Die Illuminatus!-Trilogie: Lesen auf eigene Gefahr! (Bild: Steffen Anton)

Karl Koch wurde 1965 geboren und verlor relativ früh seine Eltern. Mit dem Geld aus seiner Erbschaft konnte er ein verhältnismäßig unabhängiges Leben führen. Unter anderem legte er sich zu dieser Zeit einen leistungsstarken Computer zu. Mit diesem tauchte er lange vor dem Internet wie wir es heute kennen in die Datennetze ein und hackte sich gemeinsam mit Freunden durch die Online-Präsenzen diverser Firmen und Behörden.

Auf der Computermesse CeBIT präsentierte Karl im Jahr 1986 seine Fähigkeiten sogar einigen TV-Reportern. Aber auch mit Drogen kam er in Berührung. Als das Geld irgendwann knapp wurde, begab er sich auf einen Pfad, der sein weiteres Leben stark beeinflussen sollte: Es war die Zeit des Kalten Krieges und der sich gegenüberstehenden politischen Systeme. Über einen Bekannten wurde der Kontakt zum russischen Geheimdienst KGB hergestellt, und dieser fortan mit Daten aus Karls Hackerausflügen versorgt, gegen Bares natürlich.

Seine Drogenabhängigkeit verschlimmerte sich während dieser Zeit, hinzu kamen Wahnvorstellungen und Paranoia. Karl war der Meinung, dass die Illuminaten ihm auf den Fersen wären, hierbei spielte die Zahl 23 eine große Rolle. Derartige Gedanken hatte er auch seinem Lieblingsbuch „Illuminatus!“ von Robert Anton Wilson zu verdanken, in welchem der U-Boot-Kapitän Hagbard Celine gegen eine finstere Bande von Verschwörern kämpft. Unter jenem Namen fanden daher auch Karls Onlineaktivitäten und Hackeraktionen statt.

Letztere blieben indes jedoch nicht unbemerkt: Clifford Stoll, seines Zeichens Mitarbeiter der US-Universität Berkeley, kam den Softwarepiraten aus Deutschland auf die Schliche, und so geriet die Gruppe um Karl in den Fokus kriminaltechnischer Ermittlungen. Einige Jahre später, als Karls Leben wieder in halbwegs normalen Bahnen zu verlaufen schien, wurde seine verkohlte Leiche in einem Waldstück bei Gifhorn gefunden. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht abschließend geklärt.

23 – Nichts ist so wie es scheint

Dieses Polaroid von mir entstand auf der CeBIT im Jahr 1995. (Bild: Steffen Anton)
Dieses Polaroid von mir entstand auf der CeBIT im Jahr 1995. (Bild: Steffen Anton)

Die Geschichte hat sich tatsächlich so ereignet; sie ist spannend, wie ein Thriller. Daher verwundert es wenig, dass sie Ende der 1990er-Jahre unter dem Titel „23 – Nichts ist so wie es scheint“ von Regisseur Hans-Christian Schmid verfilmt wurde. Die Rolle von Karl Koch übernahm der Schauspieler August Diehl.

Am 23. Februar 2003 (man beachte das bedeutsame Datum) fand meine eigene Erstsichtung des Films auf dem Sender RTL statt. Der Stoff genoss aus mehrerlei Gründen mein großes Interesse. Zum einen hatte ich selbst von 2000 bis 2002 in Hannover gelebt und verspürte daher eine gewisse Verbindung zu der niedersächsischen Stadt. Die Vorstellung, dass sich dort nur einige Jahre zuvor ein derart spektakulärer Fall ereignet hatte, elektrisierte mich förmlich. Auch auf der CeBIT war ich vor allem im Laufe der 1990er-Jahre mehrmals selbst gewesen.

Die authentische Darstellung der 1980er-Jahre mit Computern wie dem C64 und Akustikkopplern zur Einwahl in die Datennetze begeisterte mich ebenfalls. Ich selbst hatte meine erste Begegnung mit einem C64 kurz nach der Grenzöffnung bei einem Bekannten gehabt und konnte mich noch gut daran erinnern. Um diese Stimmung wieder aufleben zu lassen und mich den Hackern aus dem Film näher zu fühlen, besorgte ich mir einige Tage nach der Sichtung für günstiges Geld einen solchen „Brotkasten“ inklusive Floppy auf eBay. Die große Retrogaming-Welle mit ihren explodierenden Preisen war damals noch nicht angebrochen. Leider verkaufte ich das Gerät einige Wochen später wieder, lediglich das Handbuch habe ich bis heute aufgehoben.

1.000 Seiten Irrsinn

Doch damit war es nicht genug. Der Film und seine unglaubliche Geschichte ließen mich nicht mehr los, immer wieder kehrte ich deshalb im Laufe der Jahre zu Karl Koch zurück. Als nächste legte ich mir das Buch zum Film zu, welches jedoch nicht in Romanform, sondern als Dokumentation verfasst ist. Neben dem Leben von Karl wird auch die Entstehung des Films beleuchtet. Das Buch enthält auch Auszüge aus einem 68-seitigen PDF-Dokument, welches von Karls Freunden nach dessen Tod herausgegeben wurde und in dem viele Informationen zu dem Fall inklusive zeitgenössischer Zeitungsausschnitte gesammelt sind.

Um noch tiefer in die Gedankenwelt des Protagonisten einzutauchen, entschloss ich mich, mir auch den Roman „Illuminatus!“ zu Gemüte zu führen, welcher eigentlich eine Trilogie ist. Mich durch diese insgesamt rund 1.000 Seiten zu kämpfen war eine echte Herausforderung, denn die Geschichte gleicht einem schlechten Drogentrip: Sie ist psychedelisch, surrealistisch und selbst in ihren besten Momenten immer noch anstrengend und nervtötend. Eine gewisse Faszination stellte sich beim Lesen aber dennoch ein, daher bereue ich es nicht, diese Reise unternommen zu haben. Ein wenig habe ich dabei versucht, mich in die Gedankenwelt von Karl während dessen eigener Lektüre zu versetzen.

"Kuckucksei" von Clifford Stoll: Spannend, wie ein Krimi. (Bild: Steffen Anton)
„Kuckucksei“ von Clifford Stoll: Spannend, wie ein Krimi. (Bild: Steffen Anton)

Wesentlich angenehmer zu konsumieren war da schon der Tatsachenbericht „Kuckucksei“ von Clifford Stoll. Der Autor vermittelt nicht nur aufgrund seiner Frisur den Eindruck eines verschrobenen, aber liebenswerten zerstreuten Professors. Minutiös erzählt er von seinen Entdeckungen und seiner Spurensuche, lässt den Leser aber auch an seinem Privatleben während dieser Zeit teilhaben. Es gibt hierzu übrigens auch einen Film, der ebenfalls sehr sehenswert ist.

In jüngerer Vergangenheit ist auch eine filmische Dokumentation über das Leben und den Tod von Karl Koch auf dem Sender Sky erschienen. Diesen Film habe ich mir ebenfalls zugelegt, musste jedoch feststellen, dass er keine neuen Erkenntnisse enthält.

Und so wird das Mysterium um „Hagbard Celine“ aus der Comeniusstraße in Hannover wohl für immer bestehen bleiben. Und ich? Ja, ich bin gespannt, wohin mich mein nächster „Deep Dive“ führt.

Kennst du die Geschichte von Karl Koch? Hast Du „23“ gesehen? Bist du sogar selbst noch mit dem Begriff „Hacker“ in Berührung gekommen?

Reaktionen

So wurde diese Geschichte aufgenommen:

Hat dir diese Geschichte gefallen?

Dann hinterlasse ein Herz – oder diskutiere in den Kommentaren mit.

Stimmen aus dem Fediverse

Kommentare

Hier wird diskutiert — vielleicht auch von dir? 👉 Jetzt mitreden!

Ein Kommentar zu „23 – Vom C64 bis Hagbard Celine: Mein Deep Dive in die Hackerwelt der 80er“

  1. Avatar von Jammet
    Jammet
    Gast

    Die Todesumstände von Karl Koch waren glaube ich, auch nie ganz aufgeklärt worden. Jemand der psychisch labil ist, könnte auch auf den Selbsterhaltungstrieb pfeifen, aber wer weiß schon.

    Ich habe die 80er und die Homecomputer mitgelebt, und habe ich in Hannover auch immer in diverse Mailboxen hier eingewählt. Das war vor dem Internet, aber auch deutlich nach Karl Koch’s Zeit.

    Der im Film portraitierte Karl hatte mir immer leid getan. Es ist schon hart, dass es damals niemand geschafft hatte, ihn aus seinen Illusionen zu reißen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Community

Diskutiere im Forum weiter

Im Forum tauschen wir Erinnerungen, Meinungen und aktuelle Themen rund um Videospiele aus – persönlich, respektvoll und mit Leidenschaft.

Teile die Geschichte — damit sie weiterlebt

Hat dir diese Geschichte gefallen? Dann erzähl anderen davon. 🚀

Werde Teil unserer Welt der Videospielgeschichten

Folge uns und tauche noch tiefer in unsere Geschichten ein.

Ehrlich. Authentisch. Unabhängig.

Bei Videospielgeschichten zählt das Echte: keine KI, keine Werbung – nur ehrliche Inhalte mit Herz. Damit das so bleibt, brauchen wir dich! Mit deiner Unterstützung machst du den Unterschied und hilfst, eine unabhängige, authentische Medienwelt lebendig zu halten. Mach mit – und werde Teil davon!

Mastodon