Seemannsgarn und Pixelbrei: Monkey Island (wieder) im Theater

Steffen Anton

15 Beiträge · 47 Kommentare · prägende Stimme der Community

Lange bevor Disneys „Fluch der Karibik“-Filme ab 2003 eine neue Welle der Begeisterung um das Thema Piraten und Seeräuber ausgelöst hatten, gab es Anfang der 1990er-Jahre ein Computerspiel, zu dem eine ganze Generation von Nerds heute noch wehmütig zurückblickt: Ron Gilberts „The Secret of Monkey Island“. Dem Spiel wird in diesem Jahr eine Theateraufführung in Halle gewidmet. Mein Review zu einer bereits 2015 stattgefundenen Darbietung gibt es daher hier in leicht überarbeiteter Fassung noch einmal zu lesen – zur passenden Einstimmung.

Es war die Pionierzeit der Grafikadventures: Die Firma Lucasfilm Games, später als LucasArts bekannt, hatte 1987 mit „Maniac Mansion“ den Vorreiter einer ganzen Welle von witzigen Abenteuerspielen auf den Markt gebracht, die vor kreativen Einfällen nur so sprühten. Eines von ihnen erzählte die Geschichte eines jungen Piratenanwärters, der von einer absurden Situation in die nächste stolpert, sich unsterblich verliebt, und es mit einem gefährlichen Geisterpiraten namens LeChuck zu tun bekommt. Der Name des Mannes: Guybrush Threepwood.

Inspiriert wurde Gilbert seinerzeit von zwei Quellen: Zum einen von dem Roman „Fremdere Gezeiten“ des Autors Tim Powers. Zum anderen von Disneys Themenpark „Pirates of the Carribean“. Und hier schließt sich auch der Kreis zu „Fluch der Karibik“ wieder – basiert die Filmreihe doch ebenfalls auf dieser Attraktion.

Karibisches Flair auf der Haut. (Foto: Steffen Anton)
Karibisches Flair auf der Haut. (Foto: Steffen Anton)

Dass ich meines Zeichens überzeugter Nostalgiker und Retrogamer bin, wissen vielleicht einige. Dass ich jedoch, seit ich 1994 meinen ersten PC bekam, das Spiel „The Secret of Monkey Island“ fast im Jahresrhythmus durchspiele und quasi alle Dialoge mitsprechen kann, das wissen wohl die wenigsten. Zudem ziert das Cover-Motiv des Spiels seit vielen Jahren als Tattoo meinen linken Oberarm.

Woher kommt diese Begeisterung? Mich faszinieren nicht nur die wunderbar gepixelte VGA-Grafik sowie die zahlreichen Gags und Anspielungen, sondern auch und vor allem die Atmosphäre, welche beim nächtlichen Durchstreifen der Insel Meleé Island erzeugt wird. Das Spiel wurde 2009 mit einem Remake inklusive verbesserter Grafik und Sprachausgabe bedacht. Dieses war zwar gut gemeint und hat das Spiel einer neuen Generation von Spielern zugänglich gemacht, ist für mich aber doch einfach nicht das gleiche.

Vom Bildschirm auf die Bühne

Nach dieser ausführlichen Vorrede lässt sich vielleicht ungefähr nachvollziehen, wie meine Reaktion war, als ich vom Theaterprojekt „Monkey Island – Ich will Pirat werden“ erfuhr: Ich musste einfach dort hin, egal wo es stattfinden, egal was es kosten würde. Regisseur Martin Kreusch aus Halle hatte sich dieser schier unlösbaren Aufgabe angenommen, und dabei den Weg des Crowdfunding gewählt, um das Projekt auf die Beine zu stellen.

Ein kurzer Trailer im Internet mit der vertrauten Titelmelodie, auf einem Klavier gespielt, überzeugte mich dann endgültig. Zum Preis von 40 Euro würde ich als Dankeschön sogar einen Platz in der ersten Reihe bekommen. Nach einiger Zeit des Bangens und Hoffens, dass der benötigte Gesamtbetrag zustande kommen würde, war es dann soweit: Ich hatte die Karten für mich und meine Frau im Briefkasten. Und an Halloween 2015, als viele meiner Freunde sich als Zombies geschminkt auf einer der zahlreichen Partys vergnügten, hatte ich stattdessen mein lange erwartetes Date mit Guybrush, Stan, Otis und allen anderen von mir heiß geliebten Figuren.

Im kleinen, aber feinen Theater „Kulturreederei“ in Halle war schon der Eingangsbereich liebevoll im Piratenstil dekoriert. An der „SCUMM Bar“ konnten sich die durstigen Gäste mit Getränken versorgen; nur Grog war leider keiner zu bekommen. Von einem pöbelnden Freibeuter wurden unsere Karten kontrolliert und wir durften unsere Plätze in der ersten Reihe einnehmen. Der Anblick des Bühnenbilds versetzte mir eine Gänsehaut: Da stand der alte Mann vom Ausguck im authentischen Kostüm, der Hintergrund war mit einem Sternenhimmel versehen.

An der „SCUMM Bar“ konnten sich die durstigen Gäste mit Getränken versorgen. (Bild: Steffen Anton)
An der „SCUMM Bar“ konnten sich die durstigen Gäste mit Getränken versorgen. (Bild: Steffen Anton)
Hält tapfer die Stellung: der Mann am Ausguck! (Bild: Steffen Anton)
Hält tapfer die Stellung: der Mann am Ausguck! (Bild: Steffen Anton)

Inventar inklusive

Liebevolle Details ergänzten die Kulisse, und ich befand mich plötzlich nicht mehr in Halle im Theater, sondern in der Karibik, beziehungsweise in einem Computerspiel, Auf der linken Seite war ein Arrangement aus mehreren Kisten oder Boxen, welche aufeinander gestapelt und offensichtlich zusammengeklebt waren. Ich rätselte, was das sein konnte, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es handelte sich ja um die Inszenierung eines Grafikadventures: das Inventar natürlich! Und bald darauf wurde dies auch bestätigt. Jeder Gegenstand, den Guybrush im Verlauf der Handlung erhielt, wurde hier abgelegt.

Einige Gegenstände hat Guybrush schon eingesammelt, inklusive Gummihuhn! (Bild: Steffen Anton)
Einige Gegenstände hat Guybrush schon eingesammelt, inklusive Gummihuhn! (Bild: Steffen Anton)

Stichwort Guybrush: Trotz anfänglicher Bedenken meinerseits – war doch der Schauspieler wesentlich älter, als der von ihm gespielte Pirat – machte Martin Sommer seine Sache hervorragend, auch wenn ich seine Frisur für etwas übertrieben und seltsam hielt. Dem gesamten Ensemble gebührt an dieser Stelle ein Lob. Manche Darsteller übernahmen sogar gleich mehrere Rollen, erweckten aber dennoch alle Charaktere überzeugend und glaubwürdig zum Leben. Besondere Erwähnung verdiente zudem das Bühnenbild: Jeder wichtige Ort der Story wurde detailverliebt zum Leben erweckt und die Problematik der wechselnden Locations wurden mit Hilfe der drehbaren Bühne und vieler fleißiger Helfer optimal gelöst.

In Verbindung mit der tollen Piano-Begleitung von Markus Liebscher entstand so die wirklich perfekte Illusion. Lediglich die Titelmusik wurde für meinen Geschmack etwas zu schnell gespielt Doch das ist wirklich nur Kritik auf hohem Niveau und störte den insgesamt gelungenen Gesamteindruck nur wenig. Es waren die vielen kleinen Details, die Aha-Effekte und die Insidergags, die wohl nur eingefleischten Fans ins Auge fielen und für Begeisterung sorgten.

Man merkte in jeder Minute, dass der Regisseur selbst ein großer Fan des Spiels ist, und nun mit dieser Inszenierung den vielen anderen Fans ein Geschenk machen wollte. Dies ist ihm auf ganzer Linie gelungen.

Kein Wunder also, dass das Stück in diesem Jahr erneut zur Aufführung kommt. Jedem Fan des Spiels sei ein Besuch wärmstens empfohlen.

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6 Kommentare zu „Seemannsgarn und Pixelbrei: Monkey Island (wieder) im Theater“

  1. Avatar von Chris
    Chris
    Gast

    also: das Theater wird wiederholt in Halle 16.-19.4.26.
    Leider passt der Termin bei mir nicht.

  2. Avatar von F. ⭐⭐⭐⭐⭐
    Gast

    @blog @grumpygamer in case you did not know yet: there is a theater play based on Monkey Island. 😉

  3. Avatar von Alexander Strellen
    VSG-Autor

    Wie cool ist das denn? Die Veranstaltung hätte ich mir auf jeden Fall auch angesehen. Zufälligerweise habe ich noch heute Nachmittag in diesem Buch gelesen: „Die Geheimnisse von Monkey Island“. Wie passend 🙂 Ich möchte die Gelegenheit nutzen und es jedem Fan empfehlen. https://gameplan.de/die-geheimnisse-von-monkey-island/

    Michael
    1. Avatar von Steffen Anton

      Ja das ist ein tolles Buch das habe ich natürlich ebenfalls verschlungen. Deine Empfehlung kann ich also bestätigen!

  4. Avatar von André Eymann
    VSG-Autor

    Vielen lieben Dank Steffen, dass Du uns an diese Veranstaltung erinnerst! Hätte ich damals davon gewusst, wäre ich sicher hingegangen. Nach dem Lesen Deines Beitrags drängt sich mir der folgende Gedanke auf: warum werden nicht mehr Videospiele im Theater inszeniert? Die Kunstrichtung zu gehen bietet sich ja förmlich an. Ikonische Schauplätze, interessante Charaktere und oft farbenfrohe Settings… die Bühne des Theaters wäre ein tolles Parkett dafür!

    Falls Dir bekannt (oder der Leserschaft) wäre es super, wenn ähnliche Events hier in den Kommentaren gepostet werden könnten ❤️

    Michael
    1. Avatar von Steffen Anton

      Ja das ist eine gute Frage. Zumindest die Grafikadventures eigenen sich aufgrund ihrer Narrativität in der Tat sehr gut für eine Aufführung im Theater. Es fehlen einfach die Köpfe, die es umsetzen. Wobei mir wenige Spiele außer Monkey Island einfallen, die solch einen ikonischen Charakter besitzen, um genug Publikum anzulocken über die gewöhnlichen Nerds hinaus.

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