Preisfrage: Was haben ein Luchs, ein Bär, ein Kojote und zwei Waschbären im wilden Westen zu suchen? Was um alles in der Welt ist ein Dynabyte? Und seit wann interessiere ich mich eigentlich für italienisches Design?
All diesen Fragen möchte ich heute nachgehen. Doch fangen wir von vorne an. Neulich saß ich auf dem Lokus und habe in diesem schönen Buch geblättert:

Viel Text und wenig Bilder – also quasi die ideale Lektüre für längere Sitzungen und ein wirklich empfehlenswertes Buch für Freunde des Genres der Point-and-Click-Adventures. Es ist wie eine Art Lexikon aufgebaut, mit über 300 Spielen, jeweils nach Entwicklerstudio gegliedert. Zeitlich betrachtet bewegt sich der Schinken überwiegend in den Neunzigern, aber es werden auch einige Abstecher in die Achtziger oder Zweitausender Jahre gemacht.
Manchmal gibt es neben Kritiken und persönlichen Eindrücken auch Interviews oder Trivia zu ein paar wenigen Spielen. Generell handelt es sich bei nahezu allen Einträgen weniger um einen rein objektiven Blick, sondern vielmehr subjektive Eindrücke aus heutiger Sicht. Ein interessanter und vor allem recht zugänglicher Ansatz!
Schön und gut, aber warum erzähle ich euch das alles? Und vor allem – was hat das Buch mit Luchsen, Bären und Kojoten zu tun? Nun, auf Seite 538 (der Wälzer hat weit über 700 Seiten) wird über ein mysteriöses Spiel namens „Tequila & Boom Boom“ berichtet.

Was sich erst mal wie das Programm für eine Sex-Party von Vorstandsmitgliedern eines börsennotierten DAX-Unternehmens anhört, ist tatsächlich ein vergleichsweise harmloses Point-and-Click-Adventure. Moment mal – ein mir bisher unbekanntes Adventure für MS-DOS? Wie kann das sein? Dabei habe ich doch schon etliche Jahres meines Lebens damit verbracht, mich mit exakt dieser Gattung der Retro-Spiele zu beschäftigen. Dem sollten wir schleunigst nachgehen!
Die jungen Wilden
Also, was ist Tequila & Boom Boom und wo bekommen wir es her? Entwickelt wurde das Spiel im Jahr 1995 vom italienischen Studio Dynabyte Software. Adventure-Veteranen, welche auf dem Amiga groß geworden sind, wird die Firma vielleicht ein Begriff sein. Die beiden populärsten Titel des Studios sind „Nippon Safes Inc.“ (1992) und „The Big Red Adventure“ (1995).
Der Werdegang des auch unter dem Firmennamen Ludomedia operierenden Unternehmens spiegelt den Traum vieler junger Entwickler wieder. Drei kleine Italiener, die träumten nicht von Napoli, sondern von der Spielentwicklung. Und was soll man sagen? 1991 schafften sie es tatsächlich, ihren Traum wahr werden zu lassen – zumindest für sechs Jahre. Denn bereits 1997 war für das Studio nach insgesamt sechs veröffentlichten Spielen auch schon wieder Schluss.
Warum das so ist, liegt auf der Hand. Ein paar Jugendliche ohne wirklichen Drive, sowie fehlende Erfahrung bei Entwicklung und Vermarktung in einer Branche, die zu der Zeit immer professioneller wurde. Zu große Ambitionen beim Gamedesign, geplatzte Publishing-Verträge, schlechte Investitionen, persönliche Zerwürfnisse und eine fehlende Finanzierung sind Teil des Misserfolgs von Dynabyte.
Um das Studio ranken sich einige Mythen und es fällt schwer, konkrete Informationen über die Italiener zu finden. Viel Wissen über Dynabyte und ihre Werke ist mittlerweile wohl einfach im Strom der Zeit versickert. So ist beispielsweise selbst dem originalen Entwicklerteam bis heute nicht klar, wie die eigentlich nur in Italien (oder teils überhaupt nicht) veröffentlichten Spiele ohne offizielle Publishing-Deals den Weg nach Europa, bzw. in die Hände der Spieler auf der ganzen Welt gefunden haben. Die Geschichte des Entwicklerstudios ist interessant und ich kann jedem, der etwas für Videospielhistorie übrig hat, diesen exzellenten Artikel empfehlen.
Am Anfang war die CD-ROM
Tequila & Boom Boom wird die unrühmliche Ehre zuteil, das letzte von Dynabyte produzierte Spiel zu sein. Es wurde ausschließlich in Italien veröffentlicht, besitzt neben der italienischen aber auch eine englische Sprachausgabe. Man kann also schon davon ausgehen, dass eine internationale Veröffentlichung geplant war.
Heutzutage lässt sich das Spiel leider weder auf Steam, noch auf GOG käuflich erwerben, dementsprechend bleibt nur der Rückgriff auf ein originales Exemplar. Nicht zuletzt aufgrund der diffusen Situation rund um die Veröffentlichung ist das erste Release von 1995 leider kaum mehr zu bekommen. Nach einer gefühlt nicht enden wollenden Suche ist es mir zumindest gelungen, diese CD einer mutmaßlich später verkauften Version aufzutreiben.

Diese Disc hat eine mehrwöchige Reise aus Italien hinter sich. Ich weiß nicht, ob es an der italienischen oder der deutschen Post liegt, aber es ist wirklich verblüffend, bzw. eher erschreckend, wie lange sich so eine Lieferung aus dem Land der scheibenförmigen Teigwaren und theatralischen Fußballspieler bis nach Good old Germany zieht. Ich bin etwas überrascht, dass die CD zumindest laut Aufdruck 1999 produziert wurde (also zwei Jahre, nachdem das Entwicklerstudio bereits seine Pforten geschlossen hatte), denn offiziell gab es nach Auflösung des Studios wohl nur noch eine 1998 in Russland veröffentlichte Version. Sehr merkwürdig!
Die Dateien auf der Disc sind größtenteils von 1995 und 1996, während die Verzeichnisse im September 1998 angelegt wurden. Über das Unternehmen „Challenge Multimedia“ konnte ich leider auch nichts herausfinden. Weiß der Geier, von wem diese Scheibe stammt und ob die entsprechenden Rechte zur Vermarktung vorlagen. Man könnte fast meinen, es herrschten die Gesetze des Wilden Westens bei der Spielveröffentlichung!
Ein Luchs im wilden Westen
„Wilder Westen“ ist ein gutes Stichwort. Denn genau darum geht es in Tequila & Boom Boom. Das Spiel beginnt und Revolverheld Tequila (ein Luchs) reitet auf seinem treuen Klepper gen Westen in den Sonnenuntergang. Am Horizont erscheint das Ortsschild der Stadt „Stinky Town“. Einwohnerzahl 53 Personen. Die Inszenierung des Intros erinnert mich sofort an einen der zahlreichen Italowestern-Filme aus den Siebzigern. Geht es da nur mir so?

Die Goldgräberstadt Stinky Town hat ihre besten Tage hinter sich und vom einstigen Glanz ist nicht viel übriggeblieben. Direkt vor dem Saloon erzählt uns der alte Jack (eine Schildkröte), nachdem wir ihn mit etwas Tabak für seine Pfeife versorgen, gerne die Geschichte der einst so florierenden Stadt: Ein verwegener Schatzsucher, eine alte, eingestürzte Bergmine und schlussendlich der Goldrausch, der Diebe, Ganoven, Säufer und sonstiges Gesindel in die Stadt getrieben hat.
Jacks Erzählungen sind voll mit Western-Klischees und man könnte fast meinen, er zitiert die Handlung eines Sergio Leone Films. Fehlt eigentlich nur noch ein Bösewicht und eine Schönheit, die es zu retten gilt…

Wir erfahren, dass ein ortsansässiger Bösewicht (aha!) namens Mr. Vyle der schönen Melissa Adam (doppelt aha!) das Leben schwer macht. Dem Kojoten gehört bereits die halbe Stadt und nun möchte er auch die Farm der Waschbärendame unter seine Kontrolle bringen. Melissa und ihre Familie haben Schulden bei dem zwielichtigen Kreditgeber und es bleibt nur noch eine Woche Zeit, das Hypothekendarlehen zu begleichen.
Als rechtschaffener Held ist es selbstverständlich unsere Pflicht, dem bösen Mr. Vyle das Handwerk zu legen und wieder Frieden nach Stinky Town zu bringen.

Unterstützt wird Tequila dabei von einem Braunbären namens Boom Boom. Der etwas stumpf wirkende, starke Charakter mit Hau-drauf-Mentalität erinnert mich definitiv nicht an Bud Spencer. Nein, keineswegs. Er hat in der alten Mine Gold gefunden und ist nicht gerade begeistert darüber, seinen alten Partner zu treffen.
In sehr direkter, ruppiger Art erteilt er Tequila auf dessen Nachfrage nach Hilfe erst mal eine Abfuhr. Der wiederum reagiert gewohnt lässig, wie es sich eben für einen coolen Revolverhelden gehört. Die beiden unterhalten sich über alte Zeiten und an einer Stelle des Spiels müssen wir sogar Bohnen kochen, um den guten Bud, ähm ich meine Boom Boom, aus seiner Mine zu locken. Zufall? Ich glaube nicht!

Vier Pfoten für ein Halleluja
Tatsächlich machen die Entwickler auch gar keinen Hehl daraus, dass Tequila & Boom Boom auf den Abenteuern des mental und körperlich schlagkräftigen Duos basiert. Ziel war es wohl, eine Cartoon-Version eines Spaghetti Westerns nach dem Rezeptbuch von Sergio Leone mit zwei prägnanten Charakteren, wie man sie aus den Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filmen kennt, zu erstellen. Ziel erreicht würde ich sagen!
Aber wisst ihr was? Ich finde das überhaupt nicht schlimm. Ich bin eh ein Fan von alten Western-Filmen (z.B. Leones „Dollar-Trilogie“) und Bud Spencer und Terence Hill sind – gerade dank der legendären, deutschen Synchronisation (Stichwort „Schnodderdeutsch“) aus der Feder von Rainer Brandt – sowieso absolute Kult-Klassiker.
Die Art und Weise, wie Tequila und Boom Boom mit der Spielwelt (und natürlich miteinander) interagieren fängt den Geist des ikonischen Western-Duos wirklich gut ein und Fans der Filme werden definitiv Szenen (die nahezu ein zu eins übernommen wurden) aus Streifen wie „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ oder „Vier Fäuste für ein Halleluja“ im Abenteuer von Tequila & Boom Boom erkennen.

Ein paar aufs Auge und ein Satz heiße Ohren
Optisch betrachtet ist Tequila & Boom Boom richtig schick. Es fühlt sich fast so an, als würde man einen Zeichentrickfilm spielen. Mich erinnert der Grafikstil etwas an den „Robin Hood“ Disney-Film von 1973. Zugegeben – die Animationen sind etwas ruckeliger, laufen aber gerade für die Tatsache, dass es sich um ein MS-DOS-Spiel in SVGA-Auflösung (800×600) handelt, trotzdem relativ flüssig ab.
Gespräche und Reaktionen werden in Vollbildanimationen mit dazu passenden, schrillen Soundeffekten inszeniert. Die Mimik und Gestik einzelner Charaktere ist dabei einfach so herrlich übertrieben, fast so, wie man es von Cartoons aus dem Nachmittagsprogramm der Neunziger auf RTL II gewohnt ist.

Auch für die Ohren gibt es exquisite Kost. Bereits das Intro versprüht Ennio Morricone Vibes und die Entwickler haben bei der akustischen Untermalung definitiv den Italowestern-Flair getroffen. Während des Schreibens dieser Zeilen habe ich einzelne Spielabschnitte im Hintergrund laufen lassen, nur um die beruhigende, aber dennoch epische Western-Musik genießen zu können.
Die Synchronsprecher geben ihr Bestes, um alle Charaktere akkurat zu vertonen. In den meisten Fällen klappt das erstaunlich gut, allerdings merkt man einigen Dialogen schon an, dass es sich mutmaßlich nicht um professionelle Sprecher (oder Muttersprachler) handelt. Vielleicht wäre die originale, italienische Version noch authentischer, aber dafür reicht leider mein „Ich-kann-gerade-so-den-Namen-eines-Nudelgerichts-beim-Lieferdienst-halbwegs-korrekt-aussprechen“-Italienisch einfach nicht aus.
Der Techniker ist nicht begeistert
Klingt doch alles super, oder? Nicht ganz, denn ähnlich wie zu rettende Western-Schönheiten ist Tequila & Boom Boom leider recht zickig. Zumindest was die Technik angeht. Auf modernen Systemen läuft das Spiel überhaupt nicht und es ist einiges an Geduld von Nöten, um Luchs und Bär im DOSBox-Emulator zum Tanzen zu bekommen. Läuft das Spiel erst mal, muss man behutsamer vorgehen, als ein Cowboy bei einem Duell zur Mittagszeit auf der Hauptstraße vor dem Saloon. Ein falscher Klick und wir landen wieder im DOS-Prompt, bzw. der Emulator stürzt ab.
Ich traue es mich fast nicht zu sagen, aber schlussendlich habe ich drei Anläufe und insgesamt über vierzig Spielstände gebraucht, um das Ende des Spiels zu sehen. Habe ich schon erwähnt, dass sich die Spielstände (sofern man zu häufig speichert, die „falschen“ Dialogoptionen wählt oder manche Orte mehrfach besucht) nach einiger Zeit von selbst zerstören? Nervenkitzel wie bei einem Duell auf Leben und Tod!
Dazu gesellen sich diverse Audio-Probleme, wie z.B. eine sporadisch ausbleibende Hintergrundmusik, zu laute oder leise Stimmen sowie überlappende und abgeschnittene Tonspuren. Bei einer eher laienhaften Lokalisierung ist ja mit Tippfehlern zu rechnen, aber dass ganze Sätze nicht synchronisiert wurden und einfach zu englischem Text auf italienisch ablaufen ist schon etwas schwach. An einigen Stellen wurde wohl schlicht und einfach vergessen, entsprechende Begriffe aus dem Italienischen zu übersetzen oder zumindest wurde die Tonspur entsprechend falsch hinterlegt. Gerade an Schauplätzen mit vielen Hotspots, wie z.B. im örtlichen General Store von Mr. Mole, fällt das auf.

Dann gibt es Situationen, in denen Dialoge ohne erkennbaren Grund hängenbleiben oder der Cursor (bzw. sämtliche Hotspots) einfach mal für ein paar Augenblicke verschwindet. Wütendes Herumhämmern auf der Tastatur bringt meist Abhilfe. Theoretisch lassen sich gesprochene Dialoge durch das Drücken auf die ESC-Taste abbrechen, das kann jedoch in einigen Fällen zum Spielabsturz führen. Im besten Fall wird nur etwas Text falsch (also überlappend) dargestellt.
Was soll ich sagen? Das Spiel zu spielen fühlt sich in vielen Situationen so an, als würde man ein recht altes, klappriges Auto fahren, das jede Sekunde droht, stehenzubleiben oder auseinanderzufallen. Ein italienisches Auto, welches optisch toll aussieht, aber bei der Technik kränkelt und sich so voll und ganz dem klischeehaften Image unterwirft: Außen hui, innen pfui!

Die Rätsel des Westens
Kann man darüber hinweg sehen, ist Tequila & Boom Boom trotzdem prinzipiell ein gelungenes, wenn auch alles andere als perfektes Point-and-Click-Adventure. Wir unterhalten uns mit den anthropomorphen Bewohnern von Stinky Town, sammeln Gegenstände in unserem Inventar und verwenden diese, um mit der Spielwelt zu interagieren. Die Dialoge sind witzig geschrieben und schaffen es, in nur wenigen Sätzen die Beziehungen der Charaktere untereinander glaubwürdig zu vermitteln.
Die Rätsel wiederum sind leider nicht immer logisch und es ist selten klar, was als nächster Schritt vom Spieler erwartet wird. Es hilft definitiv, wenn man ein paar Cowboy-Streifen gesehen hat und die Gepflogenheiten des Westens (oder zumindest so, wie sie von Terence und Bud, bzw. Tequila und Boom Boom interpretiert werden) kennt. Beispiel gefällig? Einer Waschbärdame namens Wanda (welche zufälligerweise mit Oberbösewicht Mr. Vyle liiert ist) müssen wir natürlich erst ein paar Blumen bringen, bevor sie mit uns redet. Und da sagt man, es gibt keine Gentlemen mehr!

Preisfrage: Wie beendet man einen Streit zweier im Saloon sitzender Pokerspieler? Richtig, wir stecken einem der Kojoten ein Ass zu, sodass sie sich gegenseitig des Betrugs bezichtigen und über den Haufen schießen. Klassische Western-Kost eben. Einige der Kopfnüsse sind natürlich schon etwas vertrackter. Wärt ihr z.B. auf die Idee gekommen, unseren Freund Boom Boom mit Chloroform zu betäuben, nur damit wir ihm einen Goldklumpen stehlen können? Dafür reicht es natürlich nicht aus, das Narkosemittel dem örtlichen Barbier (er arbeitet wohl nebenbei dank Fernstudium auch als Zahnarzt) abzutrotzen.
Um es verwenden zu können, müssen wir mit einem rostigen Nagel ein Stück Füllung von einem Sitzkissen eines Leichenwagens herausschneiden. Ganz schöner Aufwand, nur um jemanden außer Gefecht zu setzen. Wobei man Tequila zugutehalten muss, dass es im Falle von Boom Boom mit einem einfachen Hieb in den Nacken wohl nicht getan wäre…

Italienisches Design
Ein viel größeres Problem als die teils etwas abstruse Rätsellogik ist die Art und Weise, wie die Denksportaufgaben in das Spiel integriert sind. Hier zeigt Tequila & Boom Boom seine größten Designschwächen. Häufig ist einfach nicht klar, mit welchen Gegenständen und Personen (bzw. Hotspots im Allgemeinen) sich interagieren lässt.
Wir müssen z.B. einen Goldklumpen bei der Bank gegen Bargeld eintauschen. Klingt logisch, oder? An und für sich schon, aber wieso um alles in der Welt kann man nicht mit dem Bankier reden? Er ist nicht mal ein auswählbarer Hotspot, aber kaum nehmen wir ein Goldnugget aus dem Inventar in die Hand, lässt sich der Angestellte hinter dem Schalter auswählen und gibt uns im Austausch für das Gold ein Bündel Geld. Und das klappt auch nur, wenn man – nachdem man auf das Feinmetall geklickt hat – eine recht spezifische Stelle unterhalb des Bankkaufmanns ansteuert. Mir ist nicht klar, wie man darauf kommen soll, wenn es keinerlei Indiz dafür gibt, dass überhaupt eine Interaktion mit dem Finanzheini möglich ist?

Selbst die Fortbewegung zwischen den einzelnen Schauplätzen kann zur Herausforderung werden. In nahezu jedem Bildschirm muss ganz außen an den Rand geklickt werden, um die jeweilige Szene zu verlassen. Entsprechend häufig habe ich mich dabei ertappt, wie ich mit dem Mauspfeil sehr langsam den äußeren Bildschirmrand abgefahren habe, nur um herauszufinden, ob und wenn ja wo es eine Möglichkeit gibt, den aktuellen Ort wieder zu verlassen.
Gleiches gilt für die Übersichtskarte von Stinky Town. Diese ist zwar schön gestaltet und es lassen sich sämtliche Gebäude auf der Hauptstraße direkt per Mausklick erreichen, aber hättet ihr erraten, dass man im folgenden Bild noch nach links und nach rechts in die Prärie reiten kann? Das klappt natürlich nur, wenn man vorab beim Schmied auf sein Pferd aufgestiegen ist und sich dann durch mehrere Klicks an den äußeren Bildschirmrand schrittweise stadtauswärts bewegt. Kein Pfeil, kein Hotspot, kein Hinweis – nichts. Wahnsinn!

Beim Thema „Pixelhunting“ scheiden sich die Geister. Für viele ist das Aufspüren eines nahezu unsichtbaren Hotspots ein essentieller Teil dieser Art von Spielen. Ich persönlich habe es immer gehasst und es zählt für mich zu den Todsünden des Gamedesigns – fast so schlimm, wie Sahne in den Spaghetti Carbonara! Nennt mir einen vernünftigen Grund, warum ich diesen ein, maximal zwei Pixel großen Nagel an einem rostigen Pferdeanhänger suchen muss? Den Nagel kann man auch erst finden, wenn man sich vorab den Wagen (egal an welcher Stelle man ihn anklickt) angesehen hat.
Zu allem Überfluss sagt Tequila dann mit „A rusty nail… I could catch tetanus“ auch noch einen irreführenden Satz, der darauf hindeutet, dass man den Nagel nicht so einfach anfassen kann/darf/sollte. Aber wisst ihr was? Hat man den magischen Mini-Hotspot des Nagels erst mal gefunden, taucht das rostige Stück Metall einfach so im Inventar auf. Bitte was? Man kann sich einfach nie wirklich sicher sein, ob eine Aktion etwas bewirkt hat, oder ob das Spiel einfach wieder in einen Fehler gelaufen ist.

Zu guter Letzt gibt es dann noch ein paar Quick-Time-Events – ebenfalls ein echter Spieldesignklassiker, der meiner Meinung nach in gemäßigten Adventures so rein gar nichts verloren hat. An einer Stelle müssen wir z.B. im Saloon ein Glas fangen, welches uns der Wirt auf dem Tresen entgegenschleudert. Schaffen wir es nicht, innerhalb kürzester Zeit auf das Trinkgefäß zu klicken, zerschellt es an der Wand. Eine lustige Idee, zumal sich beliebig oft ein Drink bestellen lässt und es so erst mal keine Konsequenzen hat, ob wir das Glas fangen oder nicht. Ein gutes Beispiel für ein recht gut integriertes, harmloses Quick-Time-Event.
Also alles gut? Nicht ganz, denn kurz darauf müssen wir uns mit Brutus, einem lokalen Schläger, in einem Revolverduell messen. Es gilt, eine Münze, während sie in der Luft ist, abzuschießen. Blöd nur, dass man dafür nur ca. eine Sekunde Zeit hat und die Maussteuerung recht träge ist. Und wisst ihr, was das Beste ist? Schafft man es nicht, das Geldstück zu treffen (und damit die Dollarmünze in bester Cartoon-Logik in vier 25-Cent-Stücke zu zerteilen), wird das Spiel unlösbar. Brutus zieht von dannen und taucht auch nicht wieder auf, aber eines der 25-Cent-Stücke wird zwingend benötigt, um später damit Chloroform kaufen zu können. Ganz großes Kino!

Un diamante grezzo
Also alles kacke in Stinky Town? Nein, definitiv nicht. Tequila & Boom Boom ist – trotz seiner vielen Designschwächen und technischer Probleme – ein echter Rohdiamant, der etwas mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Alleine schon wegen der optischen Aufmachung in Form eines interaktiven Zeichentrickfilms, der stimmungsvollen Musik, den tollen Zwischensequenzen und den Spitzfindigkeiten, die sich Tequila und Boom Boom an den Kopf werfen, kann ich den Ritt nach Stinky Town empfehlen.
Wenn man dann noch die Tatsache bedenkt, dass das Spiel bereits 1995 für MS-DOS veröffentlicht und von einem vergleichsweise kleinen Team entwickelt wurde, gibt es eigentlich keinen Grund, sich nicht auch mal auf das Abenteuer von Luchs und Bär einzulassen.

Dagegen stehen Quick-Time-Events (ich erinnere mich an eine furchtbare Loren-Wagen-Fahrt gegen Ende des Spiels), unlogische Rätsel, Sackgassen, etliche Bugs sowie eine recht kurze Spielzeit. Ich habe schon zahlreiche Point-and-Click-Adventures gespielt und war trotzdem an vielen Stellen völlig aufgeschmissen, ohne den blassesten Schimmer, was ich als nächstes tun soll. Hut ab an alle Veteranen, die Tequila & Boom Boom ohne jede Hilfestellung (und ohne den Kampf mit gefühlt nicht enden wollenden, technischen Problemen) geschafft haben!
Schlussendlich merkt man einfach, dass das Spiel zu schnell auf den Markt geworfen wurde, noch bevor es wirklich fertig war. Gerade die englische Version hätte etwas Feintuning bitter nötig gehabt. Das ist schade, denn prinzipiell ist schon so viel Gutes vorhanden: Setting und Charaktere wirken absolut authentisch und auch Dialoge und Humor können glänzen. Die Entwickler haben eine akustisch sowie visuell eindrucksvolle Welt erschaffen. Nur blöd, dass sich darin nicht wirklich viel anstellen lässt.
Die einzelnen – wirklich toll inszenierten Schauplätze – hätte man einfach lebendiger gestalten müssen. Mehr Dialoge, mehr Hotspots und besser in die Spielwelt integrierte Rätsel wären der Schlüssel zum Erfolg gewesen. So bleibt ein eher durchschnittliches Spiel, bei dem ich mir häufig gewünscht hätte, einfach nur die coolen Zwischensequenzen als Zeichentrickfilm sehen zu können.

Müsste ich Tequila & Boom Boom in einem Satz zusammenfassen, würde dieser wohl so lauten: „Tolle Grafiken, Animationen und Humor in bester LucasArts-Manier, gepaart mit ein paar typischen Adventure-Designschwächen, wie man sie eher von Sierra kennt, auf einem technischen Stand, der selbst Ubisoft- und Bethesda-Entwickler vor Schmach erzittern lassen würde.“
Wer sich selbst mal nach Stinky Town wagen möchte, für den habe ich gute Neuigkeiten: In Rücksprache mit dem originalen Entwicklerteam wurde Tequila & Boom Boom im Jahr 2021 als Freeware veröffentlicht. Nachdem ich mich bereits recht intensiv mit dem Spiel beschäftigt habe, habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen, eine verbesserte Version samt Übersetzung (also mit deutschen Untertiteln) zu erstellen.
Ein paar der ganz schlimmen Bugs, wie z.B. Sackgassen, defekte Dialogbäume, Skriptfehler, etc. wurden dabei gefixt und es gibt auch etliche Verbesserungen wie beispielsweise mehr Hotspots oder eine funktionsfähige, englische Sprachausgabe. Ob sich das Spiel komplett ohne Probleme durchspielen lassen wird, wage ich trotzdem zu bezweifeln, dafür ist die gesamte Basis einfach viel zu wackelig. Sei es drum – wenn ich so dazu beitragen kann, dass sich mehr Leute diesem italienischen Kleinod widmen, hat sich der Aufwand gelohnt. Bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom…

Die deutsche Version samt Fehlerbehebungen könnt ihr hier herunterladen. In dem Archiv befindet sich ein fertiges Paket inklusive DOSBox, direkt zum loslegen. Eine detaillierte Beschreibung rund um die Entstehung des „Deutschpatches“ wird zeitnah auf meinem Blog hochgeladen.
Kennt ihr Tequila & Boom Boom oder habt es vielleicht sogar schon mal gespielt? Schreibt es gern in die Kommentare!







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