gamescom – Vom Warten aufs Warten

Tim Hildebrandt

1 Beitrag·1 Kommentar·neu in der Community
14.09.2026·4 Minuten
Tim Hildebrandt

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14.09.2026·4 Minuten

Wenn die General-Interest-Medien à la Tagesschau vom Mekka der Welt der Videospiele berichten, der gamescom, will man meinen, dass hunderttausende nach Köln pilgern, um in endlosen Schlangen rituell das jüngste Gericht zu empfangen. Denn seien wir ehrlich, so viel Spiel gibt es für Besuchende vor Ort nicht zu sehen.

Vielmehr sehen sie sich mit Artgenossen konfrontiert – und sie sind überall. Menschenmassen am Eingang und in überforderten WCs. Fleischliche Kontinentalplatten schieben sich durch Hallen und knautschen sich schließlich in einer Massenkarambolage als Warteschlange vor die Aussteller. Besonders passionierte Fans sind bereit, stundenlang auf eine kurze Gelegenheit zu warten, ihren Wunschtitel 10, 20 Minuten kurz anspielen zu können.

In vergangenen Ausgaben des fast zwanzigjährigen Bestehens der Messe ist es Tradition geworden, die Warteschlangen zu den Ständen auf beeindruckende Längen wachsen zu lassen und damit auch die Wartezeit. Wenn eine Menschenkette die Fassbarkeit der zuweilen großen Ausstellungsflächen sprengt, sieht sich um Ordnung bemühtes Ausstellungspersonal zu beherzten Improvisationen gezwungen. Da werden aus dem Nichts mit quietschgelbem Klebeband auf dem Hallenboden Warteflächen für Schlangen definiert und ein neues Netz aus Absperrbändern gesponnen. Alles, um dem Ansturm der Fans einigermaßen geordnet Stand zu halten.

Gut gemeint, meh gemacht

Das scheinen einige Hersteller so nicht mehr stemmen zu wollen. Denn dieses Jahr sorgte ein Novum in der Crowd Control für Unmut in den klimatisierten Hallen: Warteschlangen wurden geschlossen. Sobald ein Aussteller bestimmte, dass sich jetzt genug geduldige Menschen mit ihren Campinghockern eingefunden haben, wurde diese Schlange abgesperrt und zu einem anderen Zeitpunkt wieder geöffnet. Das ergibt vor Ort durchaus Sinn.

Wild mutierende Menschenschlangen, die in abenteuerlichen Mäandern durch die Hallen geleitet werden, stören den Strom an sich überwiegend rücksichtsvoll bewegenden Massen erheblich. Es kann zu Stillstand und noch mehr Enge führen, was gefährliche Potenziale für Massenpanik birgt. Entsprechend will niemand für derartige Szenen verantwortlich sein. Zumal die Hersteller viel Geld für genau abgesteckte Flächen bezahlen und das beinhaltet nun mal auch Raum für Wartende. Raum, der teuer und knapp ist. Flächenrekorde hin oder her.

Diese vernünftige Idee trifft in der Messerealität auf unfruchtbaren Boden. Anstatt, dass die abgewiesenen Besuchenden einsichtig andernorts ihre Zeit verbringen, bleiben diese einfach am Messestand und bilden eine “inoffizielle Schlange”, wie es von chinesischen Ausstellern vor Ort genannt wurde – ein Umstand, der nicht nur an den chinesischen Ständen für stutziges Grummeln sorgte. Am Stand von Traditionshersteller Sega, der u.a. mit Ablegern von Crazy Taxi, Persona und Warhammer 40.000 vertreten war, wurden regelmäßig ganze Pulks an Spielfreudigen zusehends entnervt abgelehnt. Was trifft hier aufeinander?

Hierbei handelt es sich nicht um Ignoranz oder Sturheit der Besuchenden. Im Gegenteil, die allermeisten sind umsichtige Menschen, die gerne Platz für Familien und Rollstuhlfahrende machen und Leute in der Reihe vor lassen, damit diese zu ihrer Freundesgruppe aufschließen können. Von einer selbstsüchtigen Ellenbogengesellschaft unter Videospielern kann nicht die Rede sein. Vielmehr wird hier Gelerntes angewandt: Wenn ich brav warte, komme ich irgendwann auch dran. Und wenn die Schlange zu lang wird, lässt sich das Standpersonal eine zündende Idee einfallen, mit der Situation umzugehen. Wie immer.

Redet mit den Spielenden!

Das erklärt aber immer noch nicht den Disconnect zwischen scheinbar vernünftigen Organisatoren und bloßen Gewohnheitstieren. Der Fehler liegt in der lückenhaften Kommunikation der Stände. Wann die Schlangen wieder geöffnet werden, zu welchen Zeitpunkten Spielzeiten stattfinden und wie lange diese dauern, müssen geduldige Spielende aus den von tagelanger Dauerarbeit immer erschöpfter aussehenden Ordnern individuell erfragen. Aufschlussreiche Infotafeln oder Angaben auf Social Media hätten Wunder gewirkt und Ärger auf beiden Seiten vermieden. Zumal die Aussteller nicht um Erstere verlegen sind, die in der Regel etappenweise Wartezeiten oder QR-Codes zu Gewinnspielen u.ä. anzeigen.

Stattdessen boten sich zumindest in den Hallen, in denen die namhaften Hersteller ihre größten Titel präsentieren, bizarre Szenen: Menschen, die wie aufs Abstellgleis gestellt eigene Ordnungsstrukturen aufbauen, als seien sie die letzten Überlebenden einer untergegangenen Zivilisation, die versuchen sich an bekannte Regeln zu klammern; Leidensgenossen, die gemeinsam in einem perversen Dreisatz aus Stehen, Sitzen und Kauern darauf warten warten zu dürfen. Das verleiht dem gamescom-typischen Zeitvertreib die letzte absurde Note, auf die nur Franz Kafka hätte kommen können.

Der Eindruck, den Zuschauer von Tagesschau und Co. von den ewig wartenden gamescom-Besuchenden haben, ist längst zementiert und das auch zurecht. Aber wenn Hersteller nicht lernen ihre guten Ideen mit entsprechend guter Kommunikation an die Spielenden zu bringen, wird die allumfassende Warterei zur Bürde für die gesamte Messe.

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13 Kommentare zu „gamescom – Vom Warten aufs Warten“

  1. Avatar von Tobi
    VSG-Autor

    Danke für deinen Beitrag, Tim. Solche Massenandränge und die dazugehörigen Warteschlangen wirken schon beim Lesen sehr abschreckend auf mich. Ich hasse sowas 😞 Dann warte ich lieber, bis die Spiele auf den Markt kommen.
    Ich muss mich bei kleineren Konzerten schon durchringen und abwägen, ob die Livevorstellung diesen Stress durch die wabernde (viel kleinere als auf Messen) Masse für mich rechtfertigt.
    Früher war das etwas anders, aber ich mag diese Massenveranstaltungen heute einfach nicht mehr. Das hat auch nichts mit meinem Sicherheitsempfinden zu tun und immer jemand Mist bauen könnte, wenn er oder sie denn wollte, ich mag solche Menschenmassen einfach nicht. Die Nachteile würden hier für mich eindeutig dem freudigen Erkunden überwiegen.
    Danke für deinen Text 🙂

  2. Avatar von Alexander Strellen
    VSG-Autor

    Das Thema Warten ist sicherlich der Hauptgrund der mich vom Besuch einer Gamescom abhält. Nach Köln zu fahren, mich für einen Parkplatz anzustellen, dann für die Bahn oder den Bus, an der Kasse für den Eingang, an der Fressbude für mein Mittagessen, an der Toilette und als letztes dann für die Videospiele. Da bin ich sowas von raus. Da ist mindestens der halbe Tag schon rum und ich stehe nur in einer Warteschlange. Ach ja, Geld bezahlen darf ich dafür auch noch. Leider gilt das inzwischen für viele Großveranstaltungen unserer Zeit. Da würde ich mir mehr Organisation und Mut von den Veranstaltern wünschen. Dann sollen sie halt die Anzahl der Tickets limitieren und das entsprechend im Vorfeld kommunizieren. Wenn voll ist, dann ist eben voll. Nein, da ist mir meine Zeit (und mein Geld) zu schade dafür.

    1. Avatar von André Eymann
      VSG-Autor

      Als ich jünger war und mit meinen Buddies über die Messe gezogen bin, war mir das alles egal 😎 Wir waren so hyped und hatten so Bock. Ich glaube es hat auch mit dem Alter zu tun 😂

      1. Avatar von Alexander Strellen
        VSG-Autor

        Ich denke eher das ist mein Charakter. Ich konnte mich schon als 20-jähriger extrem über unnötige Warteschlangen aufregen 😂 Meine Mitreisenden mussten immer darunter leiden, wenn ich wütend von einer Veranstaltung abgereist bin. Dem Hypetrain habe ich schon immer kopfschüttelnd hinterhergeschaut.

  3. Avatar von Wolfgang
    Wolfgang
    Gast

    …wie schon Leipzig 😢 Der Beitrag gefällt 👍

    1. Avatar von André Eymann
      VSG-Autor

      Wenn Du noch mehr über die Zeit der Games Convention in Leipzig lesen möchtest, wirst Du hier fündig Wolfgang: Liebe für Leipzig – Erinnerungen an die Games Convention ❤️

  4. Avatar von Wolfgang
    VSG-Autor

    Lieben Dank Tim für deine Gedanken zu diesem Thema!

    Dennis hat es bereits „anklingen“ lassen: Freizeitparks sind nicht nur eine Analogie – wie André es auch treffend bezeichnet, sondern wer Erlebnisparks, Vergnügungsparks und derartige Angebote gewohnt ist, diese kennt, betreibt das Warten auf das Warten noch einmal auf einem ganz anderen Level. Da sind Zeiten von 90 Minuten und teils noch mehr keine Seltenheit. Spitzenzeiten knacken da durchaus auch die 2 Stunden Marke. Je nach „Attraktion“ und für eine einzelne Attraktion wohlgemerkt. Auf den Tag umgelegt, verbringt man mehr Zeit mit dem Warten als mit allem anderen. Das „stundenlang“ ist hier part of the game sozusagen. Man bezahlt viel für das Stehen. Hätte ja durchaus etwas therapeutisches. Ganz so „entschleunigend“ ist dieses Prozedere dann doch nicht.

    Und diese „geführten“ Warteschlangen sind dann noch einmal eine Sache für sich 🙂 Was bei den Parks wahrscheinlich öfters vorkommt, dass sich die Leute mit allen möglichen „Tricks“ nach vorne zu drängen versuchen. Das war bei der gamescom tatsächlich weniger der Fall. Kommt wohl auch auf die Konstellation der Leute an, vieles davon ist auch Charaktersache.

    Übrigens ist das „Warten auf das Warten“ auch bei Spielen selbst und in Spielen ein spannendes Thema. 🙂

    1. Avatar von André Eymann
      VSG-Autor

      Gute Gedanken Wolfgang! Ja, das Warten wird einem als Spieler doch recht früh beigebracht. Ob es die Datasette war beim C64 oder der Download des nächsten Valorant-Updates war. Vielleicht gibt es auch deshalb so wenig Revolte auf der gamescom? Wer spielen will, muss warten.

      Es hat aber wohl vielleicht auch etwas mit der „Exklusivität“ zu tun. Der „Weltpremiere“. Man möchte ein Teil dieses einmaligen kollektiven Erlebnisses sein. Anders kann ich mir die Geduld kaum erklären. Denn logisch ist das nicht 😂

      Ein wunderbarer Beitrag @Tim, der zum Nachdenken anregt. 😍

      Und ja, ich bin auch ein wenig stolz, dass passende Beitragsbild (aus 2007!) in meinem Archiv beigesteuert zu haben.

      1. Avatar von Wolfgang
        VSG-Autor

        Auch ganz richtig 🙂 Ich wollte mein Kommentar nicht zu lange werden lassen. Da spielen ganz häufig auch Dinge wie „Erfüllung einer Erwartungshaltung“ oder Vorfreude eine Rolle. Oder eben auch Zugehörigkeit. Und ja, „unser Warten“ ist auch geprägt von z.B. Ladegeräuschen der Floppy-Disk, dem „Einwählen“ des Modems, oder „Spielen vor den Spielen“, die man während der Wartezeit auf das eigentliche Spiel spielen konnte (was für ein Satz 😎). Wenn ich es richtig im Kopf habe, da gibt es auch ein Buch von Mertens & Meißner, mit dem Titel „Ladezeit“.

  5. Avatar von Dennis Deuster
    VSG-Autor

    Ich war dieses Jahr erstmals da, als Teil der Nerdwelten, aber auch als Besucher. Und für mich kommt die GC mittlerweile eher wie ein Freizeitpark rüber: Teurer Eintritt, teures Essen, lange Warteschlangen. Daher werde ich, falls ich 2027 wieder da bin, vermehrt im Retro- und Indie-Bereich bleiben. Ist zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber offensichtlich der einzige Ort, um noch ohne Qual auch mal etwas spielen zu können.

    1. Avatar von André Eymann
      VSG-Autor

      Die Freizeitpark-Analogie gefällt mir Dennis 😂

      Muss man denn im Indie-Bereich (noch) nicht anstehen? Denn das wäre auch für mich einer der wenigen Gründe mit den Stress der gamescom anzutun. Und klar, im Retro-Bereich wäre ich natürlich auch dabei. Für’s connecten und um Freunde zu treffen.

      1. Avatar von Dennis Deuster
        VSG-Autor

        Bei den Indies ist es überschaubar. Vielleicht stehst Du mal ein paar Minuten an, aber keinesfalls 2 Stunden. 😉

    2. Avatar von Tim Hildebrandt

      Der Kontakt mit den Devs ist bei den Indies auch echt Gold wert. So viele nette Gespräche gehabt und die Leute sind auch unendlich dankbar für jede verbrachte Minute mit ihren Spielen ❤️

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