Heute möchte ich über ein Thema berichten, über das sich wahrscheinlich eher wenige von uns Gedanken machen. Und zwar Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Hobby Videospielen. Jeder der mich kennt, weiß das ich nicht der Typ Mensch bin, der jetzt irgendwelche Statistiken oder Studien präsentiert. Ich habe mir für dieses Thema jemanden dazugeholt, der selbst beeinträchtigt ist und sich stark für Inklusion im Bereich Gaming einsetzt.
Hinweis: am Ende des Textes gibt es noch zwei tolle Podcast-Empfehlungen!
Interview mit Marlene Beilharz
Hallo Marlene, vielen Dank dass du mir ein Interview gibst. Magst du dich unseren Lesern einmal kurz vorstellen, wer du bist, was du machst und welche Einschränkung dir im Gamingbereich begegnen?

Hallo, Ich bin seit über 25 Jahren begeisterte Gamerin. Aufgrund meiner Körperbehinderung bediene ich den Computer nicht mit Maus und Tastatur, sondern mit einem Joystick als Mausersatzgerät. Den Joystick bediene ich mit dem Kinn, da ich meine Hände nicht kontrolliert einsetzen kann. Meistens scheitere ich an einer nicht barrierefreien Ansteuerung. Das bedeutet für mich beispielsweise Steuerung mit der Tastatur, zu vielen Quick-Time-Events, oder ein zu genaues Anklicken von zu kleinem Items auf dem Interface.
Ich habe gesehen, du betreibst einen eigenen Blog und hast deinen Bachelor in Theaterwissenschaften und deinen Master in Film- und Medienkulturforschung gemacht. Ich finde es echt klasse, was du trotz der körperlichen Beeinträchtigung erreicht hast. Gibt es Kinnjoysticks eigentlich einfach zu kaufen oder sind das Spezialanfertigungen? Welches Gaming Genre würdest du gerne mal spielen, kannst es aber auf Grund deiner Einschränkung nicht und was müsste sich ändern?
Ja, das stimmt! Auf meinem Blog Digitalebarrierefreiheit.com schreibe ich über meinen Alltag, über Computerspiele, und über mein Leben als junge Frau mit Behinderung.
Kinnjoysticks gibt es im Spezial-Reha Bedarf zu kaufen. Allerdings ist das nicht so einfach. Die Joysticks müssen extra angepasst werden, gehen oft kaputt, und die haben weniger Funktionen als eine normale Computermaus (zum Beispiel fehlt das Mausrad zum Scrollen), was einige Spiele kompliziert oder unmöglich macht. Manchmal fehlen anklickbare Buttons auch ganz, so dass man die Menüfunktionen ausschließlich über Tastatur erreichen kann.
Schon ein Spiel zu beginnen, kann für mich an der Namenseingabe scheitern… Das ist bei sehr vielen Spielen eine Hürde. Es gibt natürlich nicht nur meine Problematik, sondern jede Einschränkung bedeutet andere Barrieren. Ich würde zum Beispiel gern Online-Rollenspiele spielen, scheitere aber oft daran, dass ich die Kämpfe motorisch nicht bewältige…
Also müsste es vielleicht eine Möglichkeit geben die Kämpfe zum Beispiel einfacher zu gestalten. Vielleicht so etwas wie Automatik-Kämpfe? Du sagtest vor kurzen bei einem anderen Thema, dass es auch wichtig wäre, das Texte vorgelesen werden, ist dies häufig ein großes Problem? Und noch eine Frage: was begeistert dich am Spielen als Hobby? Was macht ein gutes Spiel aus?
Genau! Kämpfe sind für mich ein Problem, da ich es Zeit- und Zieltechnisch meist nicht bewältige. Für mich ist es nicht wichtig, dass Texte vorgelesen werden, aber Menschen mit Lese -oder Hörbeeinträchtigung sind darauf angewiesen… Screenreader werden nicht immer unterstützt und das kann einzelne Leute vom Spiel ausschließen.
Für mich ist Spielen mehr als ein Hobby. Es ermöglicht mir in Welten einzutauchen, zu denen ich sonst keinen Zugang habe. Auch kann ich meine Kreativität ausleben… Ich kann (weitgehend) selbstständig sein. Auch sehe ich darin einen Beruf oder zumindest ein Berufsfeld.
Weißt du noch welches Spiel du als erstes gespielt hast? Wahrscheinlich hattest du nicht von Anfang einen Kinnjoystick, oder?
Ganz früher habe ich Spiele aus dem Reha Bedarf gespielt, die nur mit einer Taste zu bedienen waren ….Ich glaube Blob war mein erstes Spiel. Diese Spiele waren sehr einfach, aber waren zum Erlernen von Funktionen und nicht komplex.
Also kann man sagen das Gaming mittlerweile ein Teil der Reha geworden ist?
Ja, vor 20 Jahren war es noch ziemlich neu, aber mittlerweile wird Gaming auch zu Reha-Zwecken eingesetzt. Games sind Teil aller Bereiche. Inzwischen spiele ich aber „normale“ Computerspiele.
Gibt es ein Spiel, was du immer mal wieder anmachst? Bei mir ist es zum Beispiel Anstoss 3.
Ja, es gibt einige, die ich in allen Schwierigkeitsstufen durchgespielt habe, zum Beispiel This War of Mine. Die meisten narrativen Spiele spiele ich allerdings intensiv, aber nur ein-zwei Mal. Bei Casual Games oder Spielen mit verschiedenen Möglichkeiten ist das etwas Anderes.
Oh ja This war of Mine ist ein tolles Spiel mit einer fantastischen Stimmung. Du sagtest vorhin das du im Gaming auch ein Berufsfeld siehst, inwiefern?
Ich habe selbst ein Drehbuch für ein Spiel (SARA – Geschichte einer jungen Diebin) geschrieben. Die Demo wurde vor zwei Jahren auf der gamescom präsentiert. Produziert wird das Spiel von den Birnchen Studios. Außerdem bin ich Mitglied der Steuerungsgruppe „Netzwerk barrierefreies Gaming“. Ich möchte Gaming also nicht nur als Hobby haben, sondern in dieser Branche arbeiten.
Das klingt total spannend, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ich habe beim Gamesfestival 23 einen Papierprototyp zum Games Preis eingereicht. So wurde ein Popup-Buch mit zwei anderen präsentiert. Bei einem Meet & Greet sind die Birnchen Studios auf mich/uns zugekommen. Außerdem wird dieses Spiel jetzt auch barrierefrei umgesetzt.
Es ist echt toll das du das Thema Inklusion so in die Öffentlichkeit rückst und vielen Dank das du mich meinen Fragen stellst. Gibt es schon Pläne für die Zukunft?
Ich möchte noch aktiver in Accessibility werden. Durch eigene Spiele, kontaktieren von Firmen, und Aktionen auf der gamescom. Außerdem möchte ich als Aktivistin für Barrierefreiheit erreichen, dass nicht barrierefreie Spiele zur Ausnahme werden.
Vielen lieben Dank das du uns einen Einblick gegeben hast. Seit ich deine Geschichte kenne, schaue ich mir viele Spiele nochmal von einer ganz anderen Seite an. Gibt es irgendwas, was wir als Community machen könnten? Ich meine klar wegen uns werden die großen Firmen nicht komplett umdenken, aber manchmal beginnt es ja im Kleinen…
Als Community kann man immer etwas erreichen. Man darf niemals aufgeben und man muss an einem Strang ziehen! Es gibt keine unwichtigen Belange und wer barrierefreies Gaming für unwichtig hält, dem kann ich nur sagen: Wenn man sich einen Arm bricht, betrifft einen auf einmal zeitweise das Thema Barrierefreiheit/Armut auch, und deshalb sollte kein Gamer, keine Streamerin, und schon gar keine Entwickler sagen, dass das Thema sie nicht betrifft, oder es nicht wichtig sei. Das müssen wir als Community allen klar machen. Ableismus schadet jedem!
Auf jeden Fall. Mir fällt in diesem Zusammenhang noch eine Frage ein, die uns alle umtreibt, was hältst du von KI in Videospielen? Fluch oder Segen? Könnte vielleicht für Menschen mit Handicap eine Hilfe sein, oder?
Ja und nein …Ich bin da sehr zwiegespalten. Sicherlich kann KI-Funktionen ersetzen und so Menschen mit Behinderungen helfen. Auf der anderen Seite schlägt KI erstmal klassische Wege vor. Solange Barrieren nicht eindeutig als solche benannt sind, wird KI sie auch nicht unbedingt erkennen. Somit kann das auch schiefgehen, wenn sich Entwickler auch „nur“ auf die Meinung der KI verlassen. Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob KI hilft oder eher schadet…
Das stimmt natürlich auch. Marlene ich danke dir ganz herzlich für dieses Interview und die vielen Einblicke.
So liebe Community: habt ihr vielleicht auch persönliche Berührungspunkte damit? Was ist eure Meinung zum Thema? Wie immer freuen wir uns über jeden Kommentar!
Links
- Blog von Marlene Beilharz – digitalebarrierefreiheit.com
- Instagram-Account von Marlene
- Spiel: Sara – Geschichte einer jungen Diebin
Podcast-Empfehlungen zum Thema
Games und Behinderungen
Passend zum Thema möchten wir euch noch die Podcast-Episode „Games und Behinderungen“ von Marcel Dörpinghaus ans Herz legen. Marcel hat sich in seiner Episode Gedanken darüber gemacht, wie Gehandicapte mit dem Medium Videospiel umgehen.
M10Z-Spezial: »Spielen mit Handicap« – Die MS Gaming fährt weiter
Ebenfalls Marcel Dörpinghaus und Til nehmen euch mit zu einem Gespräch über die Veränderungen, die eine chronische Krankheit wie MS in den Videospielalltag bringt. Ein Podcast mit Herz und leichtem Kabelschaden, der einen ab und an einschränkt – aber nicht abhält.
Link zur Folge: https://m10z.de/podcasts/spezial-9
Tipp: M10Z – Ein offener Kanal für Videospielcontent und das Drumherum
Grundsätzlich möchten wir euch den schönen Kanal M10Z noch einmal ans Herz legen. Das freie Format bietet kreative und spannende Texte und Podcasts über Videospiele, wir ihr sie sonst nur selten findet. Persönlich, authentisch und ungezwungen. Reinhören lohnt sich!
Link: m10z – Mindestens 10 Zeichen






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