45 Jahre Centipede: Geschichten über ein ikonisches Shoot-’em-up, schießwütige Frauen und einen 16-jährigen Deutschen, der es in den 80ern bis zur Weltmeisterschaft schaffte, obwohl er das Spiel im Grunde hasste.

Bedenkt man, wie zuverlässig die Tierrechtsorganisation PETA Videospiele ins Visier nimmt, stelle ich fest: 1981 waren die „People for the Ethical Treatment of Animals“ noch ausgesprochen umgänglich. Denn als die Arcade-Fassung von Centipede erschien, blieb der große Aufschrei aus. Dabei hätte das Spiel durchaus Stoff für eine öffentlichkeitswirksame Ragebait-Pressemitteilung geliefert. So wie 2013, als sich die Aktivisten am Tanuki-Anzug in Super Mario 3D World störten, schließlich handelt es sich dabei um einen Pelz. Pokémon-Monster in Bällen gefangen halten? Gemein! Muscheln sammeln in Animal Crossing? Auch fies! Und bei Centipede? Da zerlegten wir einen Wurm regelrecht in seine Einzelteile. Die Stücke waren damit noch lange nicht tot, sondern wuselten weiter über den Bildschirm, bis wir ihnen mit Gnadenschüssen den Garaus machten.
Das Shoot ’em up aus der goldenen Arcade-Ära wurde 1981 zu einem Automatenklassiker. Er begeisterte ungewöhnlich viele Frauen und machte einen jungen Deutschen zum Weltklasse-Spieler. Dazu später mehr. Zunächst möchte ich über meine Erfahrung mit der Atari-2600-Version von Centipede berichten, von der ich mich regelrecht hintergangen fühlte. Wobei: Wer wie meine Wenigkeit in den 70ern geboren wurde, musste einige Enttäuschungen verkraften. Die Geld-Zauber-Maschine aus dem Yps-Heft druckte gar kein Geld. Aus Sea-Monkey-Eiern schlüpften keine Mini-Menschen. Und die „X-Ray-Brille“ aus dem Romanheftramschversand konnte der Nachbarin keineswegs die Bluse wegzaubern.

Schnecklich schön
Bevor Centipede 1983 fürs Atari 2600 erschien, kannte ich bereits den Automaten. Der stand im Jugendzentrum meiner Stadt, das Hertie hieß und eigentlich ein Kaufhaus war. Dort sah das Spiel spitze aus. Ein kleiner Käfer schoss auf einen Hundertfüßer, der sich durch einen Wald aus Pilzen nach unten schlängelte. Die Fungi leuchteten in Neonfarben, während eine Spinne im Zickzackkurs durchs Bild sauste und ein Floh herabstürzte, der neue Pilze hinterließ. Außerdem kroch regelmäßig eine Kreatur über den Bildschirm, die ich als Kind für eine Turbo-Schnecke hielt. Erst später erfuhr ich, dass es sich um einen Skorpion handelt.


Entwickelt wurde der Automat von Ed Logg und Dona Bailey. Logg hatte zuvor für Super Breakout und Asteroids verantwortlich gezeichnet und sollte später die Gauntlet-Reihe erschaffen. Bailey gilt als eine der ersten Frauen, die an einem Arcade-Spiel beteiligt war. Bevor sie 1980 zu Atari kam, hatte sie bei General Motors Tempomatsysteme entwickelt. Erst ein Instrumentalstück der Pretenders – Space Invader – weckte ihr Interesse an Videospielen. Bemerkenswert ist, dass Centipede anschließend ungewöhnlich viele Frauen an die Automaten lockte. Laut dem 1982 erschienenen Buch How to Win Video Games war ungefähr die Hälfte der Spieler weiblich. Bei Defender betrug der Anteil nur fünf Prozent. Tja, dort wurde der Gegner auch nicht schön in Einzelteile zerlegt, dass man ihn anschließend platzsparend im Gefrierfach hätte stapeln können.
Der Erfolg bei Frauen lässt sich nicht mit einer einzelnen Ursache erklären. Das farbenfrohe Design, die präzise Trackball-Steuerung und die sichtbare Beteiligung einer Entwicklerin dürften ihren Teil beigetragen haben. Frauen gehörten jedenfalls von Anfang an zur Arcade-Kultur. Die US-Zeitschrift Electronic Games machte Centipede im Mai 1982 zum Titelthema. Auf dem Cover posierte eine Spielerin glamourös in Stiletto-Stiefeln. Die Schlagzeile: „Move over Guys, here come the gals: Women join the arcade revolution!“ Eine Umfrage unter den Leserinnen bescherte Centipede Platz 3 hinter Pac-Man und Carnival. Jahrzehnte später führt ArcadeMuseum.com den Wurm in der „Frauenwertung“ auf Rang 2 hinter Ms. Pac-Man. Geschlechterübergreifend reicht es für Platz 14 – noch vor Pac-Man auf Rang 18, Donkey Kong auf 25 und Galaga auf 27.


Doch dann passierte 1983 die Atari-2600-Version. Statt des furchteinflößenden Alien-Hundertfüßers kroch plötzlich eine beinamputierte Plastikperlenkette über den Bildschirm, gezeichnet von Marvin, dem depressiven Roboter – vermutlich während einer Therapiesitzung auf Beteigeuze 7. Noch schlimmer: Aus dem coolen Käfer wurde ein dicker einfarbiger Strich. Aus ihm schossen dünnere Striche. Und die Pilze? Spoiler: ebenfalls Striche. Immerhin lagen sie waagerecht, das Auge fordert ja Abwechslung. Die Anleitung setzte dem Ganzen die Krone auf. Meine kindliche Fantasie hatte aus Centipede eine extraterrestrische Insekteninvasion gemacht. Ich stellte mir vor, als Pilot eines coleopterenartigen Raumschiffs die Erde vor einer außerirdischen Bedrohung zu retten. Atari zerstörte diesen Traum durch einen gottverdammten Elfen-Gnom namens Oliver, der mit einem Zauberstab durch einen Schrebergarten marschiert. Bäh.
We are the Champigons
An dieser Stelle muss ich allerdings die Handbremse ziehen. Denn so sehr die Grafik im Vergleich zum Automaten nach einem epileptischen Anfall eines Lineals aussieht: Centipede funktioniert auf dem Atari 2600 erstaunlich gut. Dafür verantwortlich waren Douglas B. Macrae und Josh Littlefield. Macrae arbeitete später unter anderem an Dig Dug, Ms. Pac-Man und Pole Position, Littlefield kreierte Ms. Pac-Man und Kangaroo. Sie konnten die Arcade-Optik nicht auf die 2600-Hardware zaubern, fingen aber die eigentliche Spielmechanik und vor allem den Suchtcharakter erstaunlich präzise ein.
Der Hundertfüßer schlängelt sich durchs Pilzfeld. Jeder Treffer erzeugt einen weiteren Pilz. Ich muss die Dinger viermal treffen, bevor sie verschwinden – es handelt sich offenbar um Betonchampignons, die sich auch hervorragend als Poller auf einem Weihnachtsmarkt eignen würden. Prallt der Wurm gegen einen Pilz oder den Bildschirmrand, geht es eine Zeile nach unten und in die andere Richtung. Besonders interessant wird es, wenn ein Schuss ein mittleres Segment erwischt: Dann teilt sich der Hundertfüßer. Aus einem Problem werden zwei Probleme. Oder, wie man heute sagen würde: eine Patchworkfamilie. Damit entsteht deutlich mehr Bewegung als bei frühen Shoot ’em Ups wie Space Invaders oder Galaxian.
Auch bei der Steuerung präsentierte sich Centipede fortschrittlicher. Während sich die Kanone oder das Raumschiff bei vielen Konkurrenten nur horizontal bewegte, konnte der sogenannte Bug Blaster im unteren Fünftel des Bildschirms frei nach oben und unten ausbrechen. Centipede generiert auch heute noch einen erstaunlichen Sog. Dass der Klassiker bis heute Kultstatus genießt, zeigt auch sein Auftritt im Film Pixels von 2015. Dort greifen Aliens und Monster aus alten Videospielen die Erde an. Außerdem bekam der Wurm schon 1982 ein eigenes Lied. Buckner & Garcia veröffentlichten auf ihrem Album Pac-Man Fever das Stück Ode to a Centipede:
„You can’t get away, little centipede,
I′m right behind you!
Don’t try hiding behind the mushrooms,
I see you!
Oh, oh, Centipede, you can′t run away!
Centipede, you can’t run away!“

Hungry like the Wolf
Wer statt mir lieber einen echten Experten zur Atari-2600-Version befragt, landet bei Klaus Wolf aus Neuwied bei Koblenz. Der 1967 geborene Rheinland-Pfälzer gehörte 1983 zur Elite der deutschen Spieler. Damals gab es das Wort „E-Sport“ noch nicht. Dafür rollten sogenannte Atari-Video-Trucks durch 45 deutsche Städte. Sie sollten die besten Cyberkrieger der Republik aufspüren. Wolf gewann zunächst die Landesmeisterschaft der Junioren und anschließend am 10. September 1983 die Deutsche Meisterschaft während der Internationalen Funkausstellung in Berlin. In der Ü18-Klasse setzte sich mit Josef Strater ein weiterer junger Mann aus Rheinland-Pfalz durch. Im waldreichen Südwesten der Republik wachsen also offenbar nicht nur Riesling, Spätburgunder und Bundeskanzler, sondern auch außergewöhnlich gute Videospieler.
Vier Tage später traten beide bei der Weltmeisterschaft im Münchner Luxushotel Sheraton Arabella an. Josef Strater erzielte 253.730 Punkte, Klaus Wolf bei den Junioren sogar 297.517. Das bedeutete die Plätze 5 beziehungsweise 6 der Welt. Wer angesichts solcher Zahlen im Zuge eines Großkotzigkeitsanfalls abwinkt, sollte bedenken: Die Highscores wurden innerhalb von nur 20 Minuten erzielt. Einfach mal nachmachen!



Für Klaus Wolf war die WM mehr als ein Wettbewerb. Das Rahmenprogramm und das Abendessen mit Wildpastete, Hirschmedaillon und Haselnussparfait hat er bis heute im Gedächtnis. Unter anderem begegnete er Michael Schanze, Moderator der Kinder-Quizshow 1, 2 oder 3. Thomas Gottschalk interviewte ihn fürs Radio. Ihn kannte man deutschlandweit aus der Fernsehsendung Telespiele. Darüber hinaus bekam Klaus Wolf eine Einladung ins Atari-Entwicklungsbüro in Hamburg und heimste er einen weiteren Sachpreis ein, eine Diskettenstation für den Atari-800-Computer. „Das klingt unspektakulär, war aber damals für mich Gold wert“, erinnert er sich. Warum? Weil er den Rechner bereits besaß. „Nun hatte ich die Diskettenstation dazu – und damit als Kind den einzigen vollständigen Heimcomputer in meinem Umfeld. Das war 1983 in Neuwied etwas Besonderes.“
Wie rüstet sich jemand für eine Weltmeisterschaft? „Ich bin das Sandwich-Kind von fünf Geschwistern. Wir hatten nicht viel Geld. Was mich angetrieben hat, war eine Mischung aus Ehrgeiz, Wettkampfgeist und dem pragmatischen Wunsch, einen schönen Preis zu gewinnen. Ich habe täglich zu Hause an meinem Fernseher trainiert. Ich wollte meine Strategie mit dem Tunnel-Ansatz verfeinern.“ Tunnel-Ansatz? Der Laie darf an dieser Stelle durchaus irritiert nachhaken: Wie meinen?
Klaus Wolf erläutert: „Ich fand schnell heraus, wie man Centipede auf dem Atari 2600 systematisch dominiert. Man schießt beim Angriff des Wurms gezielt ins Zentrum der Spielfläche. Die zerstörten Segmente verwandeln sich in Pilze, die wie rechteckige Klötze stehenbleiben. So entsteht ein Tunnel. Sobald der vorhanden ist, positioniert man sich am unteren Ende des Schachts und ballert. Die Würmer stürzen zuverlässig durch den Kanal, sodass man sie in Ruhe erledigen kann. Als einzige Gefahr bleibt die Spinne. Die behält man im Auge. Alles andere ist Routine.“

Nach diesen ganzen Erfolgen hätte ich erwartet, dass Klaus Wolf Centipede bis heute in Ehren hält. Doch sein Urteil fällt geradezu vernichtend aus: „Das Problem war, dass mich das Spiel nicht wirklich gefesselt hat. Training für etwas, das man langweilig findet, zieht sich. Das Spiel hatte für mich keinen intellektuellen Reiz. Die Mechanik war erschreckend simpel“, resümiert er. Das Wort „langweilig“ hebt er dabei mit bemerkenswertem Nachdruck hervor.
Dass Klaus Wolf ausgerechnet Centipede öde fand, wäre bereits eine kuriose Pointe. Der eigentliche Plot-Twist folgt allerdings erst jetzt: Den Atari-800-Computer, zu dem die gewonnene Diskettenstation so hervorragend passte, hatte er schon ein Jahr zuvor als Viertplatzierter bei der Pac-Man-Weltmeisterschaft in Paris gewonnen. Auch dort zählte er zu den besten Spielern unseres Planeten. Wobei Pac-Man ihn, welch Überraschung, ebenfalls „nicht wirklich begeistert hat“. Um seine Leistung einzuordnen: Mit 15.475 Punkten binnen 20 Minuten übertraf er sogar die 14.516 Zähler von Hans Beiderbeck aus Bayern, der sich bei derselben Veranstaltung zum Senioren-Weltmeister krönte.
Klaus Wolf ist bis heute Technik- und Gaming-Fan, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik und Betreiber des Online-Shops Wolfsoft.de. Dort kümmert er sich um alle klassische Computer und Konsolen. „Ich bin also noch da – mit denselben Grundwerten wie 1983 im Sheraton Arabella. Den Würmern auf den Fersen. Nur die Bildschirme sind größer geworden.“
Links
- Centipede WM 1983 – mein Sommer der Rekorde
- Klaus Wolf und die Atari-Weltmeisterschaften – ein deutscher Spieler auf internationaler Bühne
Bildquellen
- Atari: Cover der Atari-2600-Version von Centipede
- Ehapa-Verlag, Bastei-Verlag und Harald Fränkel: Collage zu Geld-Maschine, Röntgenbrille, See-Äffchen und Spielgrafik
- Harald Fränkel: Screenshots der Arcade- und Atari-2600-Versionen von Centipede
- Wikipedia.org, CC BY-SA 4.0: Foto von Dona Bailey, 2023
- Reese Publishing Company: Cover der Zeitschrift Electronic Games, Mai 1982
- Buckner & Garcia: Albumabbildung Pac-Man Fever, 1982
- Klaus Wolf: Fotos der Stadtrundfahrt und der Centipede-Weltmeisterschaft 1983
- Telematch 5/83: Anzeige zur Atari-2600-Version von Centipede
- Uli Kamp/Karin Howard, SFB: Aufnahme von Klaus Wolf bei der Deutschen Centipede-Meisterschaft am 10. September 1983






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