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Verrückt und verwirrend: Die PC-Version von Crazy Taxi

Kevin Puschak

30 Beiträge·52 Kommentare·tragende Stimme der Community
21.09.2026·9 Minuten
Kevin Puschak

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Personenbeförderung auf die schräge Art: Crazy Taxi sorgte seinerzeit für eines der wildesten Taxifahrten der Videospielwelt. Nur die Besitzer fetter großer Arbeitskisten mit schnöder Windows-Oberfläche profitierten viel später von einer Portierung dieses Klassikers. Wie spielt diese sich heute?

Stellt Euch vor, Ihr wohnt in San Francisco und seid Taxifahrer. Das Wetter ist herrlich genug, um nicht im monotonen, langweiligen und überdachten Taxi rumzudüsen. Nein, stattdessen wird das Cabriolet rausgerückt. Und obendrein auch noch ein Oldtimer.

Verkehrsregeln? Sind nur grobe Orientierungen. Der Kunde verlangt schnellstmögliche Beförderung von A nach B. Koste es, was es wolle. Möglichst mit Stil. Und bitteschön auch ohne Schaden, wenn es noch geht.

Das beschreibt grob die wortwörtlich verrückte Basis des Sega-Klassikers Crazy Taxi, welches zu Beginn im Februar 1999 das Licht der Welt in Form einer Arcade-Variante erblickte.

Let’s make some crazy money…

Crazy Taxi wurde nicht nur virtuell, sondern auch wirklich zur Geldmaschine. Das japanische Magazin Game Machine betitelte in ihrer Ausgabe von April 1999 Crazy Taxi als zweiterfolgreichstes Arcade-Spiel des Monats.

Ähnlich exzellent verlief es mit der ersten Version, die es in die heimische Spielkonsole geschafft hat: die im Jahr 2000 erschienene Version für den Dreamcast. Allein in den USA knapp 750.000 Exemplare und damit das zweitbestverkaufte Dreamcast-Spiel.

Nicht nur wunderbar verkauft, sondern auch wunderbar abgeschnitten hat die Variante für Segas eigene Konsole. Durchschnittlich über 90%. Erfolgreich in den Wertungen, erfolgreich im Verkauf.

…und dann kam die PC-Version

Während 2001 sich Besitzer einer Playstation 2 und eines GameCube sich auf Varianten des Klassikers freuen konnten, mussten PC-Besitzer bis Mitte 2002 ausharren, um die wilden Taxifahrten selbst auf ihrer teuren IBM-kompatiblen Maschine ausführen zu können.

Wer die deutsche Erstauflage mit der EAN-Nummer 5017783555462 ergattern möchte, muss viel Geduld mitbringen. Nicht nur erstaunt die Tatsache, dass dieses Spiel tatsächlich noch in einer Eurobox rauskam (was zu der Zeit schon unüblich war). Die Big Box ist obendrein auch noch verdammt selten und manchmal auch verdammt teuer.

Und dabei ist sie nicht einmal prall gefüllt. CD in einem Jewel Case und eine 25-seitige Anleitung komplett auf Deutsch. Selbst auf der CD findet sich nicht einmal großartig viel Bonusmaterial.

Aber einmal ins Laufwerk eingelegt, Spiel installiert und direkt mit der Konfiguration begonnen. Auflösung (möglich bis 1280×960 Pixel), Details (Weitsicht, Schatten und Farbtiefe) und Steuerung werden über ein externes Programm erledigt. Und damit kommen wir auch schon zu einigen Problemchen, die dieser Port mit sich bringen wird.

Heyhey, das ist gar nicht mal so…gut

Die herrlich bekloppte Ansagerstimme hat es in diese Version geschafft. Auch das Introvideo mit ein paar Eindrücken, was für verrückte Fahrmanöver einem winken, darf man hier genießen. Aber was werden die Ohren bemerken? Richtig, ausgetauschte Soundtracks.

Während in der Konsolenversion das ikonische „Ya ya ya ya ya“ des 1996 erschienenen Titels „All I Want“ der US-amerikanischen Punkrock-Band The Offspring über die Lautsprecher tönen durften, bekamen PC-Nutzer völlig andere Musik spendiert. Statt Offspring und Bad Religion gibt es die Crossover-Bands Pivit, Too Rude und Total Chaos. Zwar auch hörbar, aber eben nicht die Originale.

Im Menü geht es munter weiter. Hoch und runter zum Durchscrollen der Elemente kann man noch verstehen, aber mit der wortwörtlichen A-Taste die Menüpunkte auswählen spricht schon sehr für eine 1:1-Portierung. Die Computermaus kann übrigens getrost abgestöpselt werden, die kommt hier gar nicht zum Einsatz.

Und einmal ins Spiel gestartet, wird man bemerken, wie ruckelig es doch läuft. PC-Spieler kriegen nicht mehr als 30 Bilder die Sekunde spendiert. Egal wie gut die eigene Kiste auch sein mag. Wenn schon die technisch weniger fähige Dreamcast 60 hinbekommt, woran scheitert es dann beim PC-Port? Fraps hatte in meinem Test sogar fälschlicherweise 50 Bilder die Sekunde angezeigt.

Und das kleine Trauerspiel mit der Steuerung geht munter weiter. Denn einige stuntartige Steuerungstaktiken wie flotte Beschleunigung oder Drifts sind mit der Computertastatur ein regelrechter Krampf. Oder wie in meinem Fall gar nicht erst möglich. So sehr ich es auch probiert habe. Mit A und S zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang zu wechseln und dabei gleichzeitig lenken führte nicht unbedingt zum gewünschten Ergebnis.

Taxi!

Aber hey, ich muss das Spiel ohnehin richtig erkunden. Wie fängt der Spaß überhaupt erst an?

Mit der Menüauswahl „Arcade“ wird dieselbe Karte befahren, die man von der Arcade- und Konsolenfassung kennt. Entweder in 2-, 5- oder 10-Minuten-Schichten oder nach Arcade-Regeln. Sprich mit jedem Kunden wird die Zeit entsprechend angepasst. Diese Schichten werden mit einen der vier Charakteren befahren, die sich allesamt ähnlich fahren.

Dann geht es zum Kundenfang. Durch farbliche Markierung und dem „Taxi“-Aufschrei sind sie weder zu überhören noch zu übersehen. Rot bedeutet unkomplizierte kurze Distanz; Grün bedeutet profitable, aber riskante Distanz. Am besten noch in unmittelbarer Nähe hinstellen, denn die Zeit rennt.

Wie beim Taxifahren üblich gibt es ein Fahrziel. Das wird an der Seite kurz angezeigt und ein grüner Pfeil oben in der Mitte gibt die ungefähre Richtung dahin an. Manchmal verwirrt diese Hilfe, manchmal macht sie sogar wie beim Navi flotte Korrekturen. Und falls ein Ort einen komischen grünen Rahmen haben sollte und ein Slot-Machine-Geräusch ertönt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Ihr Ziel erreicht!

Ein bisschen Trinkgeld für hübsche Fahrmanöver gibt es obendrauf. Sei es knapp an einem Fahrzeug vorbeidüsen, von einer Rampe hochzuspringen oder einen Drift ablegen. Solange man keinen Unfall baut, treibt man den Multiplikator hoch. Nervenkitzel wird hoch belohnt.

Wenn der Countdown neben dem Fahrgast im grünen Bereich war, war man flott genug, um fünf Sekunden Bonuszeit abzustauben. Und eine freundliche Geste des Beförderten. Selbst im gelben Bereich gibt es zwei Sekunden Bonuszeit und einen Daumen nach oben. War es zu spät, gibt es nur Wut. Und wenn man zu lange braucht, ist es für den Fahrgast Grund genug, aus dem fahrenden Vehikel zu springen und aus der Existenz zu verschwinden. Man kann es aber auch übertreiben…

Crazy Details

Unglaublich, wie viel Spielwelt die Firma Hitmaker in Crazy Taxi gepackt hat. Viel Lebendigkeit, viel zu entdecken. Abgesehen von Product Placements wie KFC, Levi’s oder Pizza Hut.

Die zahlreichen Reaktionen der Fahrgäste machen sich nicht nur akustisch bemerkbar, sondern auch in den Bewegungen ihrer Figuren. Entweder jubeln sie oder neigen dazu, dem Fahrer eine zu klatschen. Was ich nicht verschweigen möchte: beim Rückwärtsfahren guckt dieser ebenfalls mit nach hinten. Und wehe, man parkt zu weit von ihnen weg. Dann hagelt es Beschwerden.

Bekloppt ist es allerdings, dass wir ein Amphibienfahrzeug fahren. Jedes Taxi ist in der Lage, unter Wasser zu fahren. Selbst potenzielle Passagiere warten unter Wasser auf eine Beförderung. Allgemein warten die Menschen in Crazy Taxi gerne an abgelegene Plätze wie auf dem Dach eines Geschäfts. Wie auch immer sie dahin gekommen sind.

Und die Physik? Naja, sie existiert. Ein bisschen. Umgekippte KI-Fahrzeuge mit gruseligen Detailgraden stehen auf der Tagesordnung. Ebenso auch die Fahrphysik, die zwischen wahnsinnig direkter Lenkung und unmöglichen Vorankommen schwankt. Gerade an Schauplätzen abseits der Hauptstraße möchte das eigene Gefährt nicht wirklich gut vom Fleck kommen. Unabhängig vom Fahrbelag. Das Verhalten hat mir schon einige wertvolle Sekunden gekostet.

Ach ja: Konsolen- und PC-Fassungen besitzen unter dem irritierenden Namen „Original“ noch eine zweite Welt. Sorgt zumindest für ein wenig Abwechslung, kennt man sämtliche Ecken und Kanten der Arcade-Welt.

Und die Belohnung?

Ist die Spielzeit abgelaufen, kommt es zur Wertung: Haben wir genug Einnahmen kassiert? Haben wir genug Kunden erfolgreich zu ihrem Wunsch-Standort gebracht? Haben wir viel Trinkgeld sammeln können?

Schon mit etwas über 5.000 Dollar und über 12 erfolgreich beförderten Fahrgästen könnte eine S-Class-Lizenz winken, die die höchstmögliche Wertung bedeutet. Dafür winkt sogar für die entsprechende Welt und entsprechenden Charakter ein eigener Endscreen, sofern nicht die festgesetzten Zeitmodi ausgewählt wurden.

Wem die Taxifahrten aber irgendwann zu langweilig werden, kann sich mit den Minispielen austoben. Weitsprung, Ballons kaputtfahren, Drifts ablegen oder Personen wahnsinnig flott befördern. Könnte alles super funktionieren, wären die „crazy“ Manöver vernünftig steuerbar. So sind insbesondere die driftlastigen Level absurd schwierig geworden. Man könnte sein Glück mit einem Gamepad oder einem Lenkrad probieren. In meinem Fall hat es dafür nicht einmal gereicht.

Ein mäßiger PC-Port einer spaßigen Taxifahrt

Da habe ich nach Jahren für wenig Geld bei Rebuy eine ewig gesuchte Big Box der PC-Version von Crazy Taxi ergattern können…und dann ist sie nicht mal überzeugend umgesetzt. Auch wenn die Pressewertungen für die PC-Fassung gar nicht schlecht ausfielen (PC Games 81%, PC Action 80%, GameStar 76%).

Klar, Crazy Taxi ist eine fantastische Basis. Halsbrecherische Taxifahrten von A nach B mit Zeitdruck, aber gleichzeitig arcadelastiger Fahrphysik, sprechen für eine launige Highscore-Jagd.

Doch die 2002 herausgebrachte PC-Portierung – die im Übrigen die Firma Strangelite zu verantworten hatte – hat es an einigen Stellen vergeigt, das Spielvergnügen kräftiger anzuheben.

Kurz vorm Ziel und dann keine Zeit mehr. Schade Schokolade.
Kurz vorm Ziel und dann keine Zeit mehr. Schade Schokolade.

Alternativen auf dem PC sähen aktuell mau aus. Sega hat die Steam-Fassungen runtergenommen. Man könnte allerhöchstens die Konsolenfassungen in Emulatoren laufen lassen. Oder man hofft auf ein ordentlich aufgefrischtes Crazy Taxi, welches in Form von Crazy Taxi: World Tour im Jahr 2027 rauskommen wird. Vielleicht sogar mit über 60 Bildern die Sekunde und vernünftiger Steuerung.

Würde ich Crazy Taxi aus meiner PC-Sammlung verbannen wollen? Als Sammler auf gar keinen Fall. Dafür ist die Big-Box-Fassung viel zu selten. Als jemand, der gute Spiele haben möchte, vermutlich aber auch nicht. Dafür ist die Grundstimmung des Titels viel zu gut. Man will es trotz der Widrigkeiten partout nicht weggeben. Es macht dafür einfach zu viel Spaß.

In diesem Sinne: HEY HEY HEY COME ON OVER! HAVE SOME FUN WITH CRAZY TAXI!

Habt ihr auch die PC-Version von Crazy Taxi damals gespielt und wart genauso von der technischen Umsetzung enttäuscht? Oder habt ihr das Spiel erstmals auf dem PC gespielt und wart begeistert vom Gameplay? Vielleicht kennt ihr es nur von der Konsole und konntet einen Eindruck von der originalen PC-Version hiermit gewinnen. Diskutiert darüber gerne in den Kommentaren!

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Kommentare

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2 Kommentare zu „Verrückt und verwirrend: Die PC-Version von Crazy Taxi“

  1. Avatar von Alexander Strellen
    VSG-Autor

    Ich glaube 2002 gab es auf dem PC keine Zielgruppe für diese Art von Spiel. Als Spieler war ich zu der Zeit voll fokussiert auf den PC. Von Crazy Taxi habe ich erst viel, viel später in meiner Konsolenphase gehört. Da wurde Crazy Taxi schon Retro genannt. Gespielt habe ich allerdings noch immer keine der Versionen.

  2. Avatar von André Eymann
    VSG-Autor

    Ich kenne nur die Dreamcast-Version und habe sie ausgiebig (mit viel Freude!) mit meinen Kids gespielt. Ein großartiger Klassiker. Schade, dass die PC-Fassung nicht so gut abschneidet. Das Spiel jedenfalls hätte einen perfekten Port verdient. Es ist nämlich nicht nur von der Idee her großartig, sondern stellt eine echte Zeitreise in die späten 1990er-Jahre dar. Quasi ein echter Funracer.

    „Selbst potenzielle Passagiere warten unter Wasser auf eine Beförderung.“ – absolut herrlich absurd.

    Danke für Deinen schönen Einblick, Kevin!

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