Wie viel 90er-Ästehtik steckt in Forbidden Solitaire?

Kevin Puschak

31 Beiträge·54 Kommentare·tragende Stimme der Community
26.09.2026·8 Minuten
Kevin Puschak

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Ein langweiliges Kartenspiel, vermischt mit Horrorelementen? Und das auch noch im Stile eines FMV-Adventures? Forbidden Solitaire bietet mehr als nur schnödes Totschlagen der Zeit.

Wenn man sich auf dem Markt der Indiespiele umschaut, was dürfte da besonders auffallen? Bedienen sich die Macher der Retro-Optik, kommt meist nur der Pixellook der 80er- und 90er-Jahre in den Sinn. Sie sind schön anzusehen, keine Frage. Aber an die Optik aus der Ära danach, daran haben sich bisher wenige Erschaffer rangewagt. Dabei rückt auch dieses Jahrzehnt immer weiter in Richtung Vergangenheit. Inzwischen sind es über 30 Jahre.

Was man auch mit den 90ern assoziieren kann, sind die seichten Spielbeigaben von Microsoft Windows. Ab Windows 3.0 von 1990 lag das Kartenspiel Solitär als Zubehör-Software bei. Ein netter Zeitvertreib mit verschiedenen Kartendecks und einer schicken Gewinn-Animation, sofern der eigene Rechner nicht den schnellsten Prozessor verbaut hatte.

Mit dem Aufkommen der CD wurden Adventures mit wahnsinnig vielen gerenderten Umgebungen ein Ding. Und wenn man diese noch mit Videoclips in pixeliger, berauschender Qualität unterlegt hat, konnten diese sich glatt „Full Motion Video Adventure“ schimpfen.

Genau da möchten Grey Alien Games und Night Signal Entertainment mit ihrem verbotenen Solitär ansetzen. Horrorabenteuer. Kombiniert mit einem Spiel, das man eher vor lauter Langeweile im Büro vor sich hin daddelt. Kann das funktionieren?

Vorgeschichte: Das verfluchte Spiel, günstig ergattert

2019. Will Roberta findet beim Ausflug im Sozialkaufhaus (thrift shop) für 2,99 Dollar ein obskures Spiel aus dem Jahr 1995, das eigentlich schon gar nicht mehr existieren sollte. Um dieses Spiel mit dem Namen „Forbidden Solitaire“ rankten sich viele Mythen und gruselige Geschehnisse, insbesondere im Hintergrund des Machers Heartblade Interactive. Von diesem Fund berichtet Will seiner Schwester Emily, die natürlich Feuer und Flamme ist, selbst einen Blick in dieses Stück Software riskieren zu wollen.

Emily findet im Laufe der Zeit (teilweise aus Quellen, zu denen Unbefugte normalerweise keinen Zutritt haben sollten) immer mehr seltsame Sachen rund um diesen Titel. Angefangen bei Demonstrationen wegen der absurd hohen Brutalität eines simplen Kartenspiels bis hin zu Mordakten und tödlichen Ritualen. Ein Grund, weshalb sie auch auf Abandonware-Seiten keinerlei Glück hatte, eine Kopie von Forbidden Solitaire zu finden.

Dabei sollte die Veröffentlichung des Spiels ursprünglich gar nicht geplant sein. Die Firma plante, ein RPG namens Drakeflame Chronicles zu veröffentlichen, was aber an fehlenden finanziellen Mitteln scheiterte. Doch eine Mitarbeiterin hatte ein Spiel in petto, das sie allerdings partout nicht rausrücken wollte. Man wird im Laufe des Spiels begreifen, warum sie das nicht wollte. Denn trotz einiger Bugs verbirgt sich ein grauenhaftes Feature im Kern der Software.

Ein verbotener Kerker. Mit Kartenschlachten.

Will schmeißt die Disk ins Laufwerk und kann das einst für DOS konzipierte Spiel offenbar ohne jegliche Emulatoren einfach so starten. Begrüßt werden wir von einem namenlosen älteren Herrn, der ein „forbidden dungeon“ aufsucht, um ewiges Leben zu erringen.

Einige Aufgaben wie Schlösser knacken oder Labyrinthe durchsuchen werden von Solitärspielen begleitet. Am unteren Spielfeldrand wird eine Karte gezeigt und eine der aufgedeckten Karten in der Mitte muss entweder eine Zahl höher oder niedriger sein. Farbe und Form sind dabei völlig egal. Passt auf dem Spielfeld keine Karte zur unten angezeigten, wird die nächste Karte vom Deck gezogen. Ist das Feld geräumt, geht die Reise weiter. So weit, so unspektakulär.

Trifft man nun auf ein Monster, wird das Kartendeck zum Kampfdeck. In alter Taktikstrategie-Manier wird mit dem mehrmaligen Kartensammeln die Anzahl der Schadenspunkte für den Gegner erhöht. Der wiederum kann sich mit fiesen Methoden wie Infizierung oder Sperrung einiger Karten verteidigen. Im Gegensatz zu vorher müssen seine Lebenspunkte abgezogen werden. Einfach das Kartendeck zu räumen, zählt nicht.

Einige Helferlein in Form von Jokern oder Mana bietet das Spiel ebenfalls an. Etwa können mit einem Klick mehrere Karten vom Feld geräumt werden oder man gönnt dem Gegner für eine Runde eine Pause. Ein gruselig aussehender Helfer ist ein einziges**,** dem Cursor hinterher starrendes Auge. Dieses tackert Brillanten in die Hand, um beim „Solitärkampf“ bestens gewappnet zu sein. Diese Extras kosten Gold, das wir im Laufe der Spielpartien sammeln.

Ein Game Over wird angezeigt, wenn unser Kartendeck aufgebraucht oder der Gegner uns im Kampf besiegt hat. Das Spiel ist bei so was allerdings ziemlich gnädig, denn wir dürfen dasselbe Kartendeck von vorne spielen.

Wirkt der Horrorfund wie 1995?

Als Inspirationsquelle nannten die Macher im Making-of-Material unter anderem den Titel The Dark Eye von 1995. Als eine weitere Quelle sehe ich ein wenig das Sierra-Intro aus Shivers, das im selben Jahr erschien. Es ist bei den ganzen Grafiken im Kerker nicht zu übersehen, dass definitiv Inspiration aus den 90er-Rendergrafiken gezogen wurde. Perfekt skaliert sind sie nicht unbedingt, aber die Ästhetik kommt sehr gut rüber.

Mit Animationen spart Forbidden Solitaire kräftig, denn man klickt sich linear durch das Dungeon. Keine möglichen Richtungen, nur stetiges Erzählen und Kämpfen. Wir spielen damit streng genommen kein klassisches Adventure. Bisschen zu fortschrittlich ausgefallen sind dagegen die Animationen während der Kartenspiel-Partien. Grafisch trifft man allerdings voll ins Schwarze.

Ähnliches gilt für die Musikuntermalung. Sie passt 1a zu einem Horror-Adventure aus dem Jahr 1995. Sofern diese als MIDI-Musik oder als Musikstücke auf der CD hinterlegt wurden. Schaut man sich Beispiele von ähnlichen Spielen aus der Zeit an, wird man merken, dass die Musik zu hochwertig klingt. Diese kamen höchstens ohne eine gewaltige Stereobreite.

Eine Kleinigkeit muss man ebenfalls anmerken: Normalerweise kann man mit einem Spielcursor nicht aus dem Spiel raus. Das Spiel läuft richtigerweise im 4:3-Format mit Balken rechts und links, aber man kann den Bereich mit dem modifizierten Cursor verlassen. Streng genommen nicht möglich.

Auch witzig, dass der DOS-Ladebildschirm des Spiels einen Ladebildschirm der 3D-Realms-Titel imitiert. Eine schöne kleine Hommage. Und eine kleine Hoffnung, dass die Macher eine reale MS-DOS-Anwendung aus Forbidden Solitaire machen. Die Macher von Retro City Rampage haben diese Strategie bereits 2015 angewandt.

So macht Solitär Spaß

Dass ich eines Tages ein Spiel spielen werde, bei dem ich mit einem simplen Solitär-Kartendeck Rätsel knacke oder Monster töte, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten. Gut, letzteres erfahren – wenn auch in abgemilderter Form und nicht mit Solitär-Karten – auch Spieler von Yu-Gi-Oh oder Pokémon.

Und das taktische Vorgehen dabei lässt einen die nächsten Spielzüge in aller Ruhe und ohne Zeitdruck überlegen. Ein hilfreicher Indikator ist vor allen Dingen das Wackeln aller Karten, bei denen ein Zug möglich gewesen wäre. Selbst die Monsterkämpfe kann man trotz hektischer und dramatischer Musik in völliger Entspannung vollziehen.

Einen wahnsinnig hohen Schwierigkeitsgrad gibt es ebenfalls nicht. Manche Kartenzüge zeigen sich gnädig gegenüber dem Spieler. Und gerade die zahlreichen Joker sind überwiegend eine angenehme Hilfe. Auch wenn gerade die letzten Monsterkämpfe durchaus herausfordernd sind und einiges an Köpfchen abverlangen. Sie sind dann in der Regel stärker, als der Spieler überhaupt an Lebenspunkten erkaufen kann.

Wer es noch herausfordernder möchte, kann beim ersten Durchspielen im Anschluss mit „New Game+“ einen etwas schwierigeren Durchgang spielen. Oder alle Level mit anderen Eigenschaften erneut angehen.

Man klickt sich nicht bloß stur durch zahlreiche Rendergrafiken eines von grässlichen Kreaturen gefüllten Kerkers, die man in Solitär-Partien regelrecht plattmacht. Nein, auch die mystische Hintergrundgeschichte rund um das eigentlich verbotene Spiel und die Firma, die das Werk voller Bugs auf die Welt gebracht hat, machen die Spielerfahrung insgesamt sehr rund.

Verboten gut

Ich wurde schon immer schräg angeschaut, wenn ich es – insbesondere in Livestreams – gewagt habe, Solitär anzuschmeißen. Schräge Anblicke wird man zu Beginn sicher auch bei Forbidden Solitaire erhaschen. Bis man merkt, wie viel da doch drinsteckt.

Anfangs war ich nur neugierig, wie sehr die Macher die 90er-Ästhetik treffen. Mit den Rendergrafiken, der entsprechend gut gestalteten Musikuntermalung und der gesamten Aufmachung treffen sie definitiv den Nerv des Jahrzehnts des Multimedia-Wahns auf dem heimischen Computer.

Obendrein bewirkt man mit den Solitär-Kartenspielen gewisse Aktionen. Man öffnet Tore, man tötet Monster, man kommt in der Dungeon-Geschichte weiter. Sonst würden einem nur die Karten von den Decks um die Ohren fliegen. Da sind selbst die angesetzten fünf bis sechs Stunden Spielzeit überaus angemessen.

Gerade die düstere Hintergrundgeschichte lässt mich gerne an manche Alpträume zurückdenken, bei denen ich träumte, dass mein alter PC aus den 2000ern verflucht wäre und selbst bei ausgeschalteter Steckdosenleiste gruselige und bösartige Fehlermeldungen mit entsprechender akustischer Untermalung zeigte.

Glaubt mir, die PC-Welt der 90er habe ich durchaus gruselig in den Erinnerungen behalten. Wenigstens hatte die Musik in Forbidden Solitaire keinerlei Rauschen drin. Sonst hätte mich das an einige mystische Musikstücke erinnert, die ich als kleiner Kevin am heimischen Rechner hören durfte.

Wer möchte den Eintritt ins verbotene Kartenspiel wagen?
Wer möchte den Eintritt ins verbotene Kartenspiel wagen?

Wie bizarr ist für Euch die Kombination aus Horror-Adventure und Kartenspiel? Würdet Ihr Forbidden Solitaire dennoch eine Chance geben, um das Gefühl eines 95er-Spiels mit Rendergrafiken wiedererleben zu können? Oder seid Ihr auch der Meinung, dass Forbidden Solitaire die Ästhetik eines 90er-PC-Spiels gut trifft? Diskutiert darüber gerne in den Kommentaren!

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