Inhaltshinweis: Dieser Text handelt von schwerer Krankheit, Pflege und dem Tod eines Elternteils. Er beschreibt außerdem Gewalt in A Plague Tale: Requiem.
Vor ungefähr 4 Jahren erschien A Plague Tale: Requiem. Und zu einer ähnlichen Zeit habe ich auch den nachfolgenden Text verfasst. Warum erscheint dieser Text dann erst jetzt? So viele Jahre später?
Mein Leben hat sich verändert. Schon währenddessen und heute noch mal viel mehr. Vor einem Jahr ist meine Mutter verstorben. Nach langer, schwerer Krankheit und fünf Jahren intensiver und kraftraubender Pflege. Ich glaube, dass da andere Dinge wichtiger sind als Videospiele, wird jeder verstehen können, und so verlosch mein Interesse immer mehr. Nie ganz, denn ich wusste ja, was mir Spiele geben konnten. Wie gut sie einem tun konnten, und wenn es nur der reine Eskapismus war.
Aber es funktionierte nicht. Damals habe ich A Plague Tale 2 immer als Grund dafür hergenommen, weil mir das Spiel an sich gar nicht so gut gefallen hatte. Und dazu stehe ich auch. Deswegen blieb der Text wohl auch unvollendet. Heute weiß ich aber, dass der wahre Grund wohl der ist, dass er „too close to home“ ist (wie der Franzose sagt). A Plague Tale 2 brach diese Barriere zwischen Spielewelten, in denen ich mich auch ernsten Themen widmete, die aber selten etwas mit meiner Lebensrealität zu tun hatten, und dem, was mein Alltag war.
Videospiele konnten mir nicht mehr das geben, was ich suchte. Zuflucht. Da war der Alltag wie ein ärgerliches Jucken, das ich gerne ignorieren wollte, aber immer schwerer ignorieren konnte. Meine Mutter und ihr Wohl waren wichtiger (natürlich). Ich war wie Amicia, die ihr eigenes Wohl immer hinten anstellte, weil sie es musste, weil sie es wollte und weil sie es von sich erwartete. Ich kann und konnte das sehr gut nachvollziehen. Ich habe von mir selbst erwartet, dass ich all das schaffe. Weil ich es schaffen wollte und weil ich es schaffen musste.
Heute, ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter, sind mir Videospiele immer noch wichtig. So wie Filme, Bücher, Serien und Kunst, denn ich liebe gute Geschichten, die mich in andere Welten entführen. Doch da ist immer noch dieses Gefühl: Ist es jetzt richtig, das zu tun? Sollte oder muss ich nicht etwas anderes tun? Etwas für andere. Es ist schwierig, etwas zu ändern, was man sich über Jahre hinweg selbst beigebracht hat.
Ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, ob ich noch mal etwas mit diesem Text anfangen sollte. Ob ich ihn von Grund auf neu schreiben sollte. Doch ich denke, er sollte so bleiben, wie er ist. Denn ich finde ihn, ohne Eigenlob, gut. Mit dem Abstand der Jahre ist der Text zwar noch mein Text, aber es fühlt sich nicht mehr wie meiner an. Deswegen bleibt das, was ihr jetzt lesen werdet, unverändert so bestehen.
Amicia konnte nur noch schreien. Eine wilde, unbändige Wut hatte sie gepackt. Ein Gegner nach dem anderen kam auf sie zu, aber sie alle fielen ihrer Steinschleuder zum Opfer. Ein toter Feind war ein guter Feind. Alle waren ihre Feinde.
Amicia war wütend. Wütend auf die Männer, die sie und ihren Bruder seit den Vorfällen in ihrem Zuhause verfolgten. Auf ihre Mutter, die sie im Stich gelassen hatte und jetzt Leuten zuhörte, die Amicia überhaupt nicht kannten und nicht wussten, was sie durchgemacht hatten. Sie war sauer auf ihren Vater. Warum musste er sterben? Ihr Vater war doch die einzige Familie, die sie hatte. Ihre Mutter hatte ja nur Augen für Hugo. Ihren Bruder.
Warum konnte sie keinen normalen kleinen Bruder haben? Mit den typischen Dingen, die Geschwister so machten. Aber nein, er musste ja Ratten anlocken können und auch sonst schwer krank sein. Was die anderen mit der Fähigkeit (so nannten es gewisse Personen) überhaupt wollten, hatte Amicia noch nie verstanden. Die Ratten brachten doch nichts als Tod und Verderben. Für die Menschen, die sie liebte, und für die Menschen, denen sie auf ihrer Flucht begegneten.
Hugo aber litt am meisten. Das wusste Amicia. Er wollte auch nur ein kleiner, normaler Junge sein.
Deshalb war Amicia am meisten wütend auf sich selbst. Warum hatte sie solche Gedanken? Sie wusste doch, dass ihr Bruder von allen am wenigsten dafür konnte. Ebenso wusste sie, dass ihre Mutter nur das Beste für sie und ihren Bruder wollte. Ihre Mutter schien aber nicht zu wissen, was das Beste für Hugo war.
Amicia musste stark sein. Stark für ihren Bruder. Stark für ihre Mutter. Für ihre Freunde. Sie war doch selbst noch ein Kind. Sie war so müde. Sie konnte nicht mehr. Das hasste sie am meisten an sich: dass sie sich so schwach fühlte. Sie musste doch stark sein, um ihren Bruder zu beschützen.
Doch sie war so müde. Müde von der Flucht. Von den Debatten mit ihrer Mutter. Wollte sie denn nicht erkennen, dass nur sie wusste, was das Beste für Hugo war? Ihre Mutter hatte doch schließlich selbst gesagt: „Da ist ein Band zwischen euch, das ich nie verstehen werde.“ Warum hörte sie Amicia dann nie zu? So lange Zeit wurde ihr Bruder von ihr ferngehalten. Alle erwarteten von ihr, dass sie doch Verständnis haben musste. Verständnis dafür, dass sie Hugo nicht sehen durfte und dass Hugo so viel wichtiger als sie war. Damals hatte Amicia es nicht verstanden. Es hatte ja auch niemand mit ihr geredet. Sie wurde abgespeist und weggeschickt. Sie war ja noch zu jung, und der Kontakt mit ihrem Bruder würde ihm nicht guttun.
Doch dann änderte sich schlagartig alles, als die Männer der Inquisition kamen, weil sie etwas von Hugo wollten, was Amicia nicht verstand. Seitdem waren sie auf der Flucht. Sie und Hugo, der Bruder, den sie eigentlich nicht kannte, für den sie seitdem aber die ganze Verantwortung trug.
Eine Verantwortung, von der Amicia nicht wusste, ob sie ihr jemals gerecht werden konnte. Ob sie diese Verantwortung überhaupt haben wollte, das hatte sie nie jemand gefragt. Sie selbst hatte sich das am allerwenigsten gefragt. Hugo war schließlich Familie. Die einzige Familie, die Amicia noch geblieben war. Natürlich würde Amicia da alles tun, um Hugo zu schützen. Vor allem, was da kommen mochte.
Doch es gab da diese kleine Stimme in ihr, die sich immer wieder fragte: „Wer kümmert sich um mich? Wer ist für mich da?“ Mit der Zeit lernte Amicia, diese Stimme zu unterdrücken. Zu ignorieren. Dafür waren andere zu wichtig und sie zu unwichtig. So hatte sie es doch ihr Leben lang gelernt. Es war selbstverständlich. Selbstverständlich für die anderen, für Amicia selbst. Sie musste die Starke sein. Komme, was da wolle. Auch über die eigenen Grenzen hinaus. Ihre Feinde würden schließlich keine Gnade zeigen. Also würde Amicia auch keine Gnade zeigen. Nicht gegenüber ihren Feinden. Nicht gegenüber sich selbst.
Aber auch nicht gegenüber ihren Freunden, die nicht verstanden, dass nur sie wusste, was das Beste für Hugo war. Schließlich war er noch ein Kind. Er konnte doch nicht wissen, was gut für ihn war. Was kannte er denn schon von der Welt? Sein Leben lang war er nur in seinem Zimmer gewesen. Wohl behütet. So kam es Amicia vor. Und jetzt, wo sie alleine waren, musste Hugo eben lernen. So schnell wie möglich. Freunde waren selten und Feinde lauerten hinter jeder Ecke. Amicia hatte das schnell verstanden.
Diese Welt verlangte alles von einem und Amicia zögerte nicht, alles, was sie hatte, zu geben, um Hugo zu schützen. Doch wer schützte Amicia? Vor den Gefahren und auch vor sich selbst. Manchmal, in den kleinen Momenten der Ruhe, fragte sie sich das. Sie fühlte sich so alt. So müde. Doch die Zeiten der Ruhe waren schnell vorbei.
Alle wollten sie etwas von ihr und nur Hugo schien dies zu bemerken. In den wenigen Momenten, wenn sie zu zweit waren. In diesen Momenten dachte Amicia darüber nach, in welcher Welt sie und ihr Bruder lebten und was wirklich das Beste für ihn war. Wenn sie nur zuhörte, dann war doch ganz klar, was sie tun musste. Das Wissen um richtig und falsch führte dennoch nicht sofort zum richtigen Handeln. Niemand wusste das besser als Amicia.
Auch in diesem Moment, als die Wut sie übermannte, wusste sie, dass ihre Entscheidung nicht die richtige war. Die Konsequenzen würde sie tragen, denn eines wusste sie auch: Die wichtigste Entscheidung lag noch vor ihr. Eine Entscheidung, auf deren Ausgang sie keinen Einfluss haben würde.
Als die Wut verging, kam die Müdigkeit. So war es immer.






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