Zehntausende Megapixel, Millionen Farben und automatische Bildoptimierung. Mit den heutigen Digitalkameras kann jeder zum Fotografen werden. Doch was, wenn wir mit der Game Boy Kamera digitale Technik verwenden, die mehr als Vierteljahrhundert alt ist?
Die Game Boy Kamera, erschienen im Jahre 1998 als Zubehör für den Nintendo Game Boy. Damals revolutionär, da sie eine mobile Spielekonsole um schlanke 50 Dollar in einen Fotoapparat verwandelte. Und das zu einer Zeit, als Digitalkameras alles andere als günstig waren. Sie schaffte es 1999 als kleinste Digitalkamera der Welt sogar ins Guinness Buch der Rekorde! In Kombination mit dem Game Boy Printer, einem kompakten Thermodrucker, entstand so ein kleines Fotostudio für zu Hause. Ein sehr kleines – so ehrlich muss man schon sein.
Die Game Boy Kamera ist heute keine Rarität. Mit etwas Geduld lässt sich ein Exemplar bereits für einen niedrigen bis mittleren zweistelligen Eurobetrag finden. Das kleine Technik-Wunder aus dem Jahr 1998 muss dabei nicht ausschließlich für Retro-Enthusiasten interessant sein – vorausgesetzt, man betrachtet seine technischen Einschränkungen als kreative Herausforderung. Mit einer Auflösung von 14 Kilo(!)pixeln (also 0,014 Megapixeln), 4 Farben, einem lichtschwachen Objektiv und einem Speicher von maximal 30 Bildern gibt es davon einige.
Die Inspiration
Alles begann bei meinem ersten Besuch der gamescom im Jahr 2025. Mit 44 Jahren etwas „late to the Party“, aber einmal im Leben wollte ich dieses Event live erleben. So kam ich in den Genuss des vollen Programms, inklusive Zugverspätungen und einen überfüllten Waggon voller singender Cosplayer, welche die Fahrt deutlich unterhaltsamer machten. Auch wenn ich den mir angebotenen Schluck aus der Wodkaflasche um 10:30 Uhr dankend abgelehnt habe: Hätte ich die Texte gekannt, ich hätte vermutlich mitgesungen.
Aber um die gamescom soll es heute nicht gehen – eher um eine Person, die ich dort getroffen habe. Einen Retro-Fan, den ich bisher nur via Social Media kannte. Wir zogen wir durch die Hallen der Gamescom, als er plötzlich seinen Game Boy Color mit eingelegter Game Boy Kamera hervorholte und ein Foto machte. Eine witzige und geniale Idee, die für viel Gesprächsstoff sorgte. Das wollte ich auch unbedingt machen! Ich selbst habe eine Game Boy Kamera, die einst meinem Schwager gehörte, mir fehlte nur noch eine Möglichkeit, die Bilder auch zu sichern.

Der Anfang
Ich arbeite gerne mit Limitierungen und versuche, die Grenzen des Möglichen auszureizen. Aus diesem Grund hat mich die Idee, mit der Game Boy Kamera auf Fotosafari zu gehen, nicht mehr losgelassen. Also wurde es Zeit, die Kamera zu testen. Cartridge in den Game Boy gesteckt, Konsole gestartet – und überrascht festgestellt, dass noch alte Fotos darauf waren, darunter sogar ein Bild von mir aus etwa 1999.
Ein paar Schnappschüsse später stand die Entscheidung fest: Ein GB Operator von Epilogue muss her, um die Bilder vom Modul auf den PC kopieren zu können. Als netter Nebeneffekt lassen sich damit auch Original-Cartridges am Computer spielen, Spiele auf Echtheit prüfen und die Game Boy Kamera sogar als Webcam nutzen. So landeten die ersten Schnappschüsse auf meinem PC. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass noch mehr möglich ist.
Da geht noch mehr
Die größte Schwierigkeit war für mich die geringe Lichtempfindlichkeit der Game Boy Kamera. Dadurch waren Aufnahmen in Innenräumen oder bei schlechten Lichtverhältnissen kaum möglich. Glücklicherweise standen vor diesem Problem auch Andere. Personen mit genug Know-how, um eine Lösung zu entwickeln. Und Lösungen gibt es tatsächlich mehrere. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie ermöglichen es, Objektive an die Game Boy Kamera zu schrauben. Dafür wird ein 3D-Drucker benötigt, da das Gehäuse des Moduls entsprechend ersetzt wird.
Nein, ich will nun nicht alle technischen Details herunterbeten, oder euch eine Schritt für Schritt Anleitung geben, denn dafür ist dies vermutlich die falsche Plattform. Ich kann euch allerdings versichern, dass der Umbau keine Hexerei ist – der schwierigste Teil ist, eine Person mit 3D-Drucker aufzutreiben, sofern man selbst keinen besitzt. Wir spulen nun also vor, bis zur Fertigstellung des Kamera Mods.

Bitte lächeln
Es ist faszinierend, mit dem Game Boy zu fotografieren. Schon alleine die Tatsache, einer knapp 30 Jahre alten Digitalkamera mit einem kleinen Teleobjektiv neues Leben einzuhauchen, zaubert (zumindest mir) ein Grinsen ins Gesicht. Dass das Ganze dann auch noch ein Game Boy ist, macht es noch besser. Und auffälliger. Glaubt mir, damit fällt man auf. Denn wer läuft im Jahre 2026 noch mit einem Game Boy als Fotoapparat herum? Sogar in einer Jausenstation auf einem Berg im tiefsten Oberösterreich bin ich auf den Game Boy angesprochen worden.
Zugegeben, man erntet auch ab und zu verständnislose Blicke. Vor allem dann, wenn man erst einmal eine ganze Weile damit beschäftigt ist, die richtigen Einstellungen für die jeweilige Aufnahme zu finden. Das bedeutet übrigens nicht, sich durch irgendwelche Menüs zu klicken – nein, wir sprechen hier von Old-School-Fotografie. Kein Autofokus, keine automatische Blende. Alles Handarbeit, eingestellt über die Ringe am Objektiv. Und ja, genau das finde ich ziemlich cool. Belohnt wird man mit erstaunlich detailreichen Aufnahmen – zumindest so detailreich, wie es 128 × 112 Pixel eben zulassen – und der Möglichkeit zu zoomen. Dadurch muss man nicht mehr direkt vor dem gewünschten Motiv stehen.

Du bist nicht allein
Keine Sorge. Solltest auch du dich dazu entscheiden, mit 4 Farben auf Fotosafari zu gehen, bist du nicht die einzige Person mit dieser verrückten Idee. Okay, auf DEINER Safari bist du wahrscheinlich tatsächlich die einzige Person mit dieser verrückten Idee. Weltweit gibt es jedoch eine gar nicht mal so kleine Community. Sogar ein jährlicher Fotowettbewerb wird ausgerufen. Aber ganz ehrlich – wen kümmert es, wie viele Personen einem Hobby frönen? Wichtig ist zu tun, was Spaß macht – auch wenn man dadurch möglicherweise aus der Reihe tanzt. Es sind die Unterschiede und die Abwechslung, die das Leben schön, und die Individualität, die Personen interessant macht.
Fotografieren ist ein schönes Hobby. Es fördert die Kreativität und das Auge für Details. Glaubt mir, nach einiger Zeit geht ihr – so abgedroschen das auch klingen mag – mit offenen Augen durch die Welt. Euch fallen Details auf, die ihr davor übersehen oder ignoriert habt. Dieses Auge für Details, gekoppelt mit den strikten Limitierungen der Game Boy Kamera, machen aus einem schönen, ein schön außergewöhnliches Hobby. Für jeden, denn wie bereits erwähnt: Der Umbau ist keine Hexerei.









Schreibe einen Kommentar